Das hat er seit 15 Jahren nicht mehr erlebt. Am Kopernikus-Gymnasium im Duisburger Stadtteil Walsum beginnt das Schuljahr, und alle Lehrerstellen sind besetzt. Zu 100 Prozent, das müssen Sie sich mal vorstellen, sagt Schulleiter Hans Peters, 63. Eigentlich hatte er sich fast daran gewöhnt, jedes Jahr mit zwei Kollegen zu wenig zu starten, das war die übliche Quote. Doch die Landesregierung hat ihr Versprechen eingehalten, das muss man anerkennen, sagt Peters, der zugleich Vorsitzender der Rheinischen Direktorenvereinigung ist.

Nordrhein-Westfalen, über Jahrzehnte hinweg das Kernland sozialdemokratischer Bildungspolitik, sammelt in diesen Tagen erste Erfahrungen mit dem umstrittenen neuen Schulgesetz, das die CDU/FDP-Koalition, gerade ein Jahr lang im Amt, noch vor den Sommerferien durch den Landtag gebracht und in Kraft gesetzt hat. Als Fundament für Deutschlands modernstes Bildungssystem feierten Schulexperten der Regierung die Reform nach ihrer Verabschiedung im Juni, während Oppositionspolitiker und Lehrerverbände die Rücknahme zentraler Neuregelungen verlangten und vor einem Chaos bei der Umsetzung der zahlreichen Einzelvorschriften warnten. Nach den ersten Wochen im neuen Schuljahr scheint indes festzustehen: Schulministerin Barbara Sommer (CDU), die vielen als Verlegenheitskandidatin und politisches Leichtgewicht gilt, hat mit ihrer Reform den ersten Praxistest bestanden. Das Chaos ist ausgeblieben, und die Proteststimmen werden leiser. Frau Sommer hätte sich von Anfang an viel Ärger ersparen können, wenn sie den Lehrern ihre Pläne besser kommuniziert hätte, sagt Peter Silbernagel, der Vorsitzende des NRW-Philologenverbandes, und bescheinigt der Ministerin, die richtigen Schwerpunkte, die richtigen Akzente gesetzt zu haben. Auch anerkannte Schulforscher beurteilen das Gesetzeswerk insgesamt positiv. Bei aller berechtigten Kritik im Detail sehe ich einen wohltuenden Unterschied zu alternativen Entwürfen, die Bildungsgerechtigkeit immer formal definiert haben, sagt etwa Rainer Lehmann von der Berliner Humboldt-Universität.

In bundesweiten Vergleichen schnitt Nordrhein-Westfalen schlecht ab

Jetzt scheint sich auszuzahlen, dass Sommer nicht einseitig und unerbittlich eine konservative Agenda durchgezogen hat, sondern ihre Reform in vielen Punkten auf Entwürfen der rot-grünen Vorgängerregierung aufbaute und weitere Änderungen nach Anhörungen betroffener Lehrer, Eltern und Kommunalvertreter vorgenommen hat.

Bislang war ihr dieses Vorgehen häufig als politische Unentschlossenheit ausgelegt worden. Fraglich bleibt zuweilen allerdings, ob die angestrebte Doppelstrategie der Ministerin gelingen kann: Auf der einen Seite will sie die Leistungsstandards anheben, auf der anderen Seite die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen erhöhen.

So hat die Düsseldorfer Koalition in der Tradition der Vorgängerregierung den Schulen regelmäßige Qualitätstests verordnet, und sie verlängert die gymnasiale Oberstufe wieder auf drei Jahre.

Besonders der regelmäßige Besuch so genannter externer Qualitätsteams, die Urteile und Empfehlungen zur Bildungsleistung einer Schule abgeben sollen, findet den Beifall der Bildungsforscher. Allein ein paar mehr Sanktionsmöglichkeiten gegenüber auffällig schwachen Schulen hätte sich Rainer Lehmann gewünscht.