Wer Kränkung sucht, wird Kränkung finden. Jedenfalls ist anders nur mühsam zu erklären, warum die Muslime aus all den Reden des Papstes, in denen er dem Islam teils weit entgegenkam, teils streng den Kulturimperialismus des Westens tadelte, ausgerechnet jene Stelle herauspickten, von der sie sich beleidigt fühlen konnten. Das Zitat eines längst vergessenen byzantinischen Kaisers über die Gewaltreligion des Propheten hätte sich leicht beiseite wischen, ignorieren oder mit Hinweis auf die Glaubenskämpfe des Mittelalters hinwegerklären lassen. Aber nein! Es war, als dürstete die beleidigte Seele der islamischen Gemeinschaft nach erneuter Kränkung. Sie nahm das Papstwort gierig auf wie der Wüstensand den belebenden Regen. Und vielleicht ist es falsch, den Gekränkten zu bedauern, vielleicht ist ihm die Kränkung keine Wunde, sondern das Pflaster, eine stärkende Medizin, die ihm die Kraft für den Kampf gibt.

Die enthusiastischen Wutdemonstrationen von Kairo bis Karatschi, in der Mechanik, mit der sie die Proteste gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen wiederholten, erinnerten ein wenig an die polnischen Reaktionen auf Köhlers Rede vor den Vertriebenen. Der Bundespräsident hatte in Wahrheit die Vertriebenen, jedenfalls ihren politisch agitierenden Verband, streng kritisiert und vor revanchistischen Missverständnissen gewarnt. Die polnische Regierung aber wollte nur sehen, dass der Bundespräsident vor ihnen aufgetreten war. Die Botschaft der Rede wurde geflissentlich überhört. Warum? Weil es sonst nicht gelungen wäre, die erwünschte Kränkung abzuholen und als Trophäe zu präsentieren.

Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu: Wo die inneren Missstände einen äußeren Feind brauchen, wird er geschaffen, und mag er sich noch so sträuben. Groß war die Mühe Napoleons III., sich über eine nebensächliche Frage (die der spanischen Thronfolge) eine Kränkung durch Preußen zu besorgen, aber es ist ihm gelungen. Die Emser Depesche kam und mit ihr der Krieg, den er wollte (und verlor).

Groß und fataler noch war die Wollust, mit der sich die Deutschen immer wieder über den Kriegsschuldparagrafen von Versailles beugten, selbst als die Alliierten schon ihre Fehler eingesehen hatten und dem Land, aber dann leider auch Hitler, weit entgegengekommen waren.

Denn das ist die Gefahr, die droht, wenn der Klageruf der Beleidigten allzu buchstäblich genommen wird: dass ein schlechtes Gewissen entsteht, wo es nicht entstehen müsste, und wehrlos macht in dem Moment, da die rhetorische Gekränktheit in brutale Aggression umschlägt. Es ist verführerisch, dem nach Beleidigung Lechzenden Beleidigung zu spenden. Aber das medizinisch einzig Vernünftige ist, die Droge zu verweigern und dem Süchtigen die kalte Schulter zu zeigen und kalte Wadenwickel zur Heilung.