Der Tag danach ist in Kuba noch nicht gekommen - Fidel Castro, so heißt es offiziell, ist auf dem Wege der Besserung und werde in ein paar Wochen die Amtsgeschäfte wiederaufnehmen. Aber dass der Tag danach kommen wird, ist sicher und beherrscht die Gespräche. Jeder will wissen: Was geschieht nach Fidel Castro?

Zunächst hat der Comandante in einem Testament auf Zeit seine Ämter im Staat in der Partei und der Armee verteilt - die wichtigsten an seinen Bruder Raúl und die nachrangigen in der zweiten Reihe an zwei altgediente Kader an einen der Jüngeren, der als Scharfmacher gilt, und an einen Vertreter des Verwaltungsapparats, nämlich an den Zentralbank-Chef. Eine solche Mischung ist typisch für Fidels Gleichgewichtspolitik und sie wird auch nicht infrage gestellt noch. Wie aber sähe diese Balance aus, sollte Fidel nicht mehr zurückkommen? Wird eine technokratische Elite die Macht übernehmen und den Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft ebnen?

Manches spräche dafür.

Unter Fidel Castro war Kuba immer ein Ort der Prinzipientreue, gleichwohl gab sich der máximo løder, wenns die Verhältnisse erforderten, pragmatisch. Er führte den US-Dollar ein, als die Sowjetunion zusammenbrach und dringend alternative Devisenquellen nötig waren. Und er verbannte ihn wieder, als sich Kuba auch ohne Greenback über Wasser halten konnte. Für die Kader auf allen Ebenen war das eine, das alles überragende Prinzip die bedingungslose Loyalität zur Führung. Egal welchen Kurs die Insel auch nahm, die Kader folgten ihrem Staatschef blind. Die Folge: Jede Wende von oben wurde unten genauso leidenschaftlich vertreten wie die vorige. Ein solches über Jahrzehnte eingeübtes Verhalten beherrschen auch etliche Miami-Kubaner: Jetzt geißeln sie Castro mit der gleichen Emphase, wie sie zuvor glühende Leitartikel in Havannas Parteizeitung geschrieben, Demonstrationen gegen den Yankee-Imperialismus organisiert und wachsame Berichte über Kollegen für die kubanischen Sicherheitskräfte verfasst haben.

Potenzielle Erneuerer aus dem Staatsapparat, die jahrzehntelang eiserne Disziplin gewahrt haben, werden darum erst dann aus der politischen Deckung gehen, wenn der Wandel keine zu großen Risiken birgt und ihnen persönlich attraktiv und erfolgversprechend erscheint.

Vorteilhaft etwa wäre es, wenn die Kader in Partei und Armee an dem Dollarsegen des Tourismus oder an einer Öffnung des lukrativen Immobilienmarktes von Havanna teilhaben könnten. Solche Verlockungen könnten die Apparatschiks durchaus zu einer opportunistischen Wende reizen. Wäre da nicht die hartleibige US-Politik, die spätestens seit dem Helms-Burton-Gesetz von 1996 auf eine bedingungslose Kapitulation Kubas setzt und nicht auf einen allmählichen Wandel.

Diese Politik trifft gerade potenzielle Reformer ins Mark. Castro &amp - Co. haben geschickt dafür gesorgt, dass jeder Amtsträger nicht einfach den dunklen Seiten des Systems entrinnen kann. Als 1989 der nach den Castro-Brüdern ranghöchste General, ein Hoffnungsträger der Reformer, plötzlich des Drogenschmuggels angeklagt und hingerichtet wurde, wurde jedes einzelne Politbüromitglied verpflichtet, vor laufenden Kameras sein persönliches Einverständnis mit diesem Urteil zu erklären. Zwei Politiker wurden dafür eigens von Auslandsreisen heimgeholt. Niemand durfte saubere Hände behalten. Das schweißt zusammen, gerade wenn außen vor allem in Miami der moralische Zeigefinger gehoben wird.