Meddeb : Eigentlich nicht, weil die Theologen seit Jahrhunderten sehr präzise darüber diskutieren. Im Islam gibt es beide Seiten: diejenigen, die die Bekehrung mit dem Schwert und dabei alle Ungläubigen töten wollen. Dann gibt es die anderen, die fordern, endlich Schluss zu machen mit dem Zwang in der Religion. Beunruhigend ist, dass trotz dieser Divergenz in den Medien und im Selbstbild der Muslime nur noch die eine, gewalttätige Seite präsent ist. Nur wenn das muslimische Subjekt erkrankt, wählt es den kriegerischen Teil der Offenbarung.

ZEIT : Woher stammt diese Krankheit?

Meddeb : Wenn der Fanatismus die Krankheit des Katholizismus und der Nazismus die deutsche Krankheit war, dann ist der Fundamentalismus die Krankheit des Islams. Zum einen ist es eine Flucht vor der seit Jahrhunderten währenden historischen Niederlage gegenüber dem Westen, zum anderen aber auch eine Reaktion darauf, dass der Westen den Islam als Repräsentanten einer inneren Andersheit nicht anerkannt. Aber wir dürfen auf die Provokationen nicht länger allein mit militärischen Mitteln wie im gescheiterten Irak-Krieg reagieren. Die wirkliche Gefahr ist nämlich nicht der kriegerische, sondern der autoritäre Islam, der den gesamten Alltag der religiösen Praxis unterwirft.

ZEIT :: Was ist provokanter an der Rede von Papst Benedikt XVI.: dass er die Begründung des islamischen Glaubens kritisiert, weil sie über aller Vernunft steht? Oder ist es die Gewaltfrage?

Meddeb : Der Papst hat zwar Recht damit, wenn er andeuten möchte, dass prinzipiell alle auf ultimativen Wahrheiten aufgebauten Glaubenssysteme den Fanatismus produzieren. Doch was der Papst über die Rolle der Vernunft im Islam sagt, geht völlig an der historischen Wirklichkeit vorbei. Man muss nur die Theologen studieren, die im Austausch mit dem Christentum und dem Hellenismus den Islam überzeugend auf der Vernunft begründet haben. Warum der Papst als Deutscher den ungeheuren intellektuellen Reichtum nicht kennt, mit dem gerade die deutsche Islamwissenschaft diese Fragen behandelt, ist mir schleierhaft. Allerdings interessieren sich die protestierenden Muslime für solche Feinheiten wie die Vernunftfrage überhaupt nicht. Sie gehen wegen des angesprochenen Gewaltthemas auf die Straße und merken nicht einmal, dass sie mit ihren Ausschreitungen dem Papst Recht geben. Bis ins 19. Jahrhundert und oft noch bis zum Ende des Kolonialismus hatten es die großen islamischen Reformatoren geschafft, den Dschihad immer wieder zu neutralisieren. Doch nach dem Ersten Weltkrieg haben die Islamisten den Dschihad als Motor wiederentdeckt, um die Hegemonie und Souveränität des Islams zu restaurieren.