Meddeb : Der Islam ist durch den Aufstieg des Christentums seit dem Mittelalter abgehängt worden und hat sich in der Misere eingerichtet. Aber vergessen wir nicht, dass auch das Christentum das Blutbad der Konfessionskriege durchmachen musste. Im heutigen Kampf der Fundamentalisten gegen die Moderne kann man auch eine Art von nachgeholten Konfessionskriegen sehen. Ein großes Problem ist die gescheiterte Verwestlichung vieler Muslime, die über ihre eigene Tradition nur noch ein Schattenwissen haben und nach Ersatz suchen. Es gibt kein dramatischeres Beispiel als die Attentäter des 11. September, die zwar keine Flugzeuge bauen, sie aber immerhin fliegen konnten.

ZEIT : Was kann der Westen tun, damit der neue Konfessionskrieg gut ausgeht?

Meddeb : Es ist an erster Stelle die Aufgabe Europas, vor allem der Deutschen und Franzosen, dem Islam mit festen Überzeugungen entgegenzutreten und den arabischen Staaten klarzumachen, wie gefährlich die Fundamentalisten für die Welt sind. Um nur ein Bespiel zu nennen: Viele Länder wissen doch gar nicht, welche unglaublichen Dinge in ihren Schulen geschehen. Als nach den Anschlägen des 11. September die Führung Saudi-Arabiens unter dem Schock stand, dass ihre eigenen Landsleute die traditionelle Schutzmacht USA angegriffen hatten, stellten die Saudis überrascht fest, dass in den Schulbüchern Dinge standen, die lauter kleine bin Ladens produzieren mussten. Vielen arabischen Staatsführungen sind längst ihre eigenen Bevölkerungen entglitten, was im puritanischen Steinzeit-Islam der Wahhabiten am deutlichsten wird.

ZEIT : Auf welches islamische Land kann man noch am ehesten bauen?

Meddeb : Auf die Türkei. Ihre Zugehörigkeit zu Europa ist für uns überlebenswichtig. Die Aufnahme der Türken in die Europäische Union ist die essenzielle Bestätigung für die Festigkeit unserer Prinzipien, die nicht nur jüdisch-christlich sind, sondern ein gewaltiges historisches Konvergenzversprechen enthalten. Da bin ich mit dem Papst, der den EU-Beitritt der Türkei ablehnt, überhaupt nicht einverstanden. Aber auch Marokko, obwohl es dort keinen republikanischen Aufbruch wie in der Türkei gab, sehe ich auf dem richtigen Weg. Der gesamte nördliche Mittelmeerraum ist durch die französische Prägung geeignet, zum Labor der europäischen Gedanken zu werden. Nur dort können wir den Kulturkampf mit den weltweiten Islamisten gewinnen.

ZEIT : Aber ist die Türkei modern genug?

Meddeb : Davon bin ich überzeugt. Alle Behauptungen, in der Türkei entstünde eine neue islamische Republik, sind falsch. Ich kenne nur ein anderes Land, dessen Menschen ihre republikanischen Errungenschaften so bis aufs Blut verteidigen wie die Türken – die Franzosen. Ein demokratischer Islam ist genauso möglich wie ein demokratisches Christentum. Zudem sichert die türkische Armee den Säkularismus und wacht darüber, dass die Islamisten sich an den Pluralismus halten. Was in der Türkei und in Marokko passiert, ist für uns die stärkste Kraft, jenen Fundamentalismus zu entkräften, wie er in seiner weltweit gefährlichsten Ausprägung sich derzeit in Pakistan entwickelt. Dort steckt der Fundamentalismus im Herzen der Staatsräson. Dagegen mache ich mir um Iran überhaupt keine Sorgen, weil die persische Zivilisation – trotz Ahmadineschad – ungeheuer stark und hoch entwickelt ist. Dass sich die Iraner derzeit mit ihren Atomprojekten ihren Platz in der Welt zu sichern suchen, ist zwar ein Problem, aber nicht unlösbar, wie es das Beispiel Südafrikas gezeigt hat.