Was man von Constanza Macras und ihrem Tanztheater auch hält, ob man darin Trash sieht oder Kunst, eines muss man ihr lassen: Sie meint die Sache völlig ernst. Sie betreibt sie mit ganzem Einsatz. Sie kennt keine Angst – oder falls doch, so wird die Angst von Neugier übertroffen. Das Gefährliche, das Lächerliche, das Peinsame ziehen sie sehr an – sie will wissen, was dahinter ist, was nach dem Schmerz und der Scham kommt.

Im Gespräch wirkt die 36-jährige Macras, auf deren Bühnen die derbsten Witze, die vulgärsten Gesten, die bollerndsten Tabubrüche blühen, gar nicht krawallig oder effekthascherisch. Sie wirkt wie eine Alltagsforscherin, die in mehrere Projekte verstrickt ist und während des Gesprächs das Material von allerlei Sonden, Boten, Antennen auswertet, die für sie durch die Stadt wandern.

Ihr Leben ist anstrengend, und mit Macras zu reden ist es auch, weil sie schnell und ratternd spricht und ohne Warnung die Sprachen wechselt. Würde man, was sie sagt, in halber Geschwindigkeit abspielen, merkte man, dass sie nicht nuschelt, sondern nur sehr unbarmherzig die maximale Anzahl von Silben (und eine Menge Nikotin) in ihren Atem packt. Und man begriffe, dass die Sprachwechsel dem Gesagten Anschaulichkeit und biografischen Hall geben. Macras stammt aus Buenos Aires, aus einer wohlhabenden Familie, die einen jähen ökonomischen Abstieg erlitt (der Vater wurde von Geschäftskollegen übers Ohr gehauen und suchte dann selbst das Weite); sie lernte das Tanzen und entwarf ihre eigene Mode; sie zog nach New York und nahm Unterricht am Merce Cunningham Studio; sie ging nach Amsterdam und lebt seit 1995 hauptsächlich in Berlin.

Sie wirkt, als habe das frühe argentinische Trauma des Abstiegs sie für alle künftigen Abstürze gewappnet, ja als suche sie seitdem spielerisch immerfort nach Erfahrungen der Überforderung, des Kollapses, der Selbstausbeutung. Constanza Macras ist eine Gejagte ihrer Kunst, vier Projekte mit insgesamt 50 Beteiligten habe sie derzeit "in der Luft", sagt sie, sie komme nicht nach. Geld für ihre Truppe Dorky Park muss aufgetrieben werden, ein juristisches Problem ist zu lösen, ein ihr gewidmetes Festival in Bordeaux will im November sechs ihrer Arbeiten zeigen, ihr Erfolgsstück Scratch Neukölln muss mit zahllosen, heftig pubertierenden Neuköllner Jugendlichen ganz schnell für einen Berliner Benefizabend wieder aufgenommen werden, weil drei beteiligten Breakdancern und ihren Familien die Abschiebung in den Libanon droht, an der Schaubühne läuft ein Sommernachtstraum , den sie mit dem Schaubühnen-Intendanten Thomas Ostermeier inszeniert hat, und am Prater der Volksbühne beginnen die Proben zu I’m not the only one , Premiere im Januar, ein Tanz- und Sprechstück über menschliche Archetypen.

Diese Frau, kein Zweifel, lebt "in the middle of the moment". Gefährlich lebt sie auch. Am 11.September 2001 befand sie sich in New York, auf dem Flughafen, weil sie nach Europa wollte. Am 26.Dezember 2004 saß sie im Flugzeug über Indien, als der Tsunami losbrach.