Auf nicht eingeweihte Menschen müssen die Hofer Filmtage wie ein Stammesritual der deutschen Kinoszene wirken. Seit vier Jahrzehnten wird das Betrachten von Filmen in Hof mit dem kollektiven Verzehr großer Mengen Fleisch und Alkohol verbunden. An einem Büdchen direkt vor dem Kinoeingang essen die Festivalbesucher zwischen den Filmen Rostbratwürste. Viele Würste. Selbst Menschen, die das ganze Jahr über keine Wurst essen, kommen in Hof auf drei, vier Bratwürste am Tag, keiner weiß, warum, es ist einfach so. Abends trifft sich das Festivalvolk im Gasthof Strauß, isst Zwiebelrostbraten, Hirschgulasch und Schinkenplatten, und streitet bei Bier und Schnaps über die neusten deutschen Produktionen. Morgens schwankt man wieder in die nächste Vorführung, isst zum Frühstück eine Bratwurst, und alles beginnt wieder von vorn. So geht es vier Tage lang. In Hof ist das deutsche Kino eine Bratwurst, und man fühlt sich auch wie eine.

Hof als Wille und als Vorstellung lässt sich nur durch seinen Festivalchef und Begründer Heinz Badewitz verstehen. 1967 veranstaltete er mit seiner Band, ein paar Freunden und einer Hand voll Filmkopien ein kleines Spontanfestival in seiner Heimatstadt. Als sich die Münchner Kinobetreiber im folgenden Jahr weigerten, den kulturrevolutionären Geist von Oberhausen in ihre Säle ziehen zu lassen, wurde der Ausflug wiederholt – und zur Institution. Die sechziger und siebziger Jahre waren die große wilde Zeit von Hof und Heinz Badewitz, das lebendige Monument dieser Jahre, ist einer der wenigen Menschen, die die Beatnik-Frisur, ohne uncool zu sein, ins 21. Jahrhundert gerettet haben. Legendär sind seine Eröffnungsansprachen, eine Mischung aus dadaistischer Performance, Familienfest- und Vereinsansprache. Wie alle Franken kann Badewitz kein T aussprechen, was bei ihm zu einem Akt freundlicher Vereinnahmung gerät, etwa wenn er den bekannten Regisseur Dom Dykwer begrüßt.

Im Laufe der Jahre weitete Badewitz den Horizont des Festivals durch internationale Produktionen und Autoren-Retrospektiven. Er zeigte am Pariser Mai-Wochenende Jean-Marie Straubs Chronik der Anna Magdalena Bach, und Hark Bohm rollte ein Bierfass ins Kino und sang die Internationale. Er holte Mike Leigh, Brian De Palma und George Romero, David Cronenberg, Samuel Fuller und Roger Corman ins Frankenland. Er zeigte Filme von Atom Egoyan und Peter Jackson, als noch kaum jemand von diesen Regisseuren redete. Und doch blieb Hof im Kern immer die kumpelige Talentschmiede des deutschen Kinos. Ein Biotop, in dem der Nachwuchs von Onkel Badewitz einem wohlwollenden Publikum zugeführt wurde. Hier begannen die Karrieren von Wim Wenders, Doris Dörrie, Werner Herzog und Detlev Buck. In Hof war Hans-Christian Schmids erster Film Nach fünf im Urwald zu sehen, in dem ein unbekannter Teenie namens Franka Potente die Hauptrolle spielte. Jedes Jahr fügen sich die Abschlussarbeiten der Filmhochschulen, die TV-Produktionen, Dokumentar-, Kurz- und Spielfilme auf diesem Festival zum Stimmungspanorama des deutschen Kinos und manchmal zu einem Deutschlandbild zusammen.

Trotz allem, das wahre Zentrum, ja die Seele der Hofer Filmtage ist der Strauß. Aus den Alkoholnebeln seines Gastraums stieg der Neue Deutsche Film empor. Hier benahm sich Rainer Werner Fassbinder (»Hof bleibt doof, da helfen keine Filme«) schwer daneben und wurde vor die Tür gesetzt. Im Strauß war ein inzwischen verstorbener süddeutscher Großkritiker einmal so begeistert über einen Film, dass er mitten im Gespräch einen vollen Bocksbeutel gegen die Wand warf, einfach so, quasi als Ausrufungszeichen. Im Strauß wird unter Stickbildchen und Rehgeweihen gelobt und gelästert, werden Branchengerüchte und Filmgeheimnisse geteilt. All das geschieht aus Gründen der Tradition, sozusagen als inkarniertes Erinnerungsmonument. Schließlich versichert sich das deutsche Kino bei den allabendlichen Trinkgelagen seiner Geschichte. Der Strauß hat alles gesehen, vom Kinski-Exzess bis zur Diven-Hysterie, von Wenders bis Wortmann, von Schlöndorff bis Schlingensief. Hier kriechen Filmstudent und Großproduzent morgens um fünf einträchtig delirierend auf allen vieren die Treppe hinauf. Und über allem wacht, mit milder Nachsicht, der ritterliche Nachtportier Herr Scholz.

Wie alle großen rituellen Handlungen besteht Hof aus einer ganzen Reihe kleinerer Subrituale. Eines ist die alljährliche Ehrung eines deutschen Filmschaffenden mit liebevollen Ansprachen in der malerischen Villa Theresienstein. Ein anderes der Eröffnungsempfang in den Räumen der traditionsreichen Tanzschule Swing. Trotz Türstehern schafft es die Hofer Jugend in jedem Jahr, sich durch Hintertüren unter die Gäste zu mischen, was der manchmal recht inzestuös feiernden deutschen Filmbranche gut zu Gesicht steht. Schließlich gibt es sogar einen gesellschaftlichen Höhepunkt: das traditionelle Fußballspiel zwischen einheimischen Hofern und einer Auswahl der Filmtage-Gäste. Noch heute schwärmt die deutsche Filmszene von jenem legendären Moment, in dem Werner Herzog die Kinomannschaft des Jahres 1993 mit einem fulminanten Tor zum 2:0 schoss.

In diesem Jahr werden die Hofer Filmtage also ihren vierzigsten Geburtstag feiern, mit einer Retrospektive zu vier Jahrzehnten Hof und deutscher Film. Wim Wenders, Hans-Christian Schmid, Tom Tykwer, Christian Petzold und Christoph Schlingensief werden zu Gast sein, man wird sich wieder im Strauß zusammenfinden und wieder mit einer gewissen Wehmut feststellen, dass Hof nicht mehr das von Wim Wenders in einer schönen Eingebung gefeierte Home of Films ist.

Tatsächlich ist Hof ein wenig an den Rand der deutschen Kinolandkarte gerückt, wohl weil die Konkurrenz anderer Festivals zugenommen hat, weil die Berlinale für deutsches Kino offener geworden ist, weil die großen deutschen Premieren inzwischen woanders stattfinden und vielleicht auch weil die Ernährungsgewohnheiten vieler Filmkritiker nicht mehr mit den Hofer Zechexzessen vereinbar sind. Aber solange Heinz Badewitz mit seiner Beatnik-Frisur auf die Bühne steigt, Herr Schulz an der Rezeption vom Strauß sitzt und das Büdchen noch vor dem Kino steht, werden wir wohl weiter nach Hof fahren. Zu gewissen Ritualen gehört eben auch, dass sie nur in einer leicht melancholischen, überlebten Form weiter bestehen können. Der Charme von Hof ist nun mal Event-resistent und auf angenehme Art anachronistisch. Deshalb konnte es auch nichts werden, als der Hofer Bratwurststand im Oktober 2000 zum allgemeinen Erstaunen und glücklicherweise vergeblich versuchte, einen Ökoburger ins Sortiment zu nehmen.