Der "Platz des katalanischen Ruhms" in Barcelona trägt einen großen Namen. Hinter ihm verbirgt sich ein innerstädtischer Schandfleck. An ihm laufen drei zentrale Magistralen der Stadt zusammen. Die Plaça de les Glòries Catalanes trägt eine acht Meter hohe, steinerne Krone aus vierspurigem Verkehr, die zu ebener Erde von einem zusätzlichen Ring mit weiteren vier Fahrbahnen umlegt ist. Im Dunstkreis dieses Knotenpunkts hält sich niemand gern außerhalb des eigenen Autos auf.

Jetzt gibt es allerdings in unmittelbarer Nachbarschaft einen architektonischen Brocken, der dem Platz etwas von seiner Gewalt nimmt: Jean Nouvels Torre Agbar. Östlich der Glòries ragt er 142 Meter hoch in den Himmel. Die aufstrebende Masse des neuen Hochhauses neutralisiert die negative Energie des zu Tode befahrenen Platzes. Sie verschafft dem Raumgefühl einen neuen Fokus, einen Ausweg. Die Anziehungskraft des Torre Agbar ist enorm. Um ihn herum steht nichts, was ihm Paroli bieten könnte – aber auch nichts, dem er unangenehm in die Parade führe. Im Gegenteil: Für den Stadtteil Poble Nou, der zwischen Torre Agbar und Mittelmeer liegt, kommt das 35-stöckige Gebäude wie gerufen. Das ehemalige Industrieviertel wird gerade Schritt für Schritt zu einem High-Tech-Quartier umgestaltet. Nouvels Bau ist schon jetzt dessen Speerspitze. Am 17. November wird der Torre in Frankfurt mit dem Internationalen Hochhaus Preis 2006 ausgezeichnet. Gäbe es einen Sonderpreis für den besten Standort, dann hätte sich der Bauherr auch den verdient.

Die obersten Etagen schweben im Raum – möblierte Wolken

Wie eine schillernde Riesen-Patrone wirkt Nouvels Bau. Und obwohl sie vom historischen Zentrum Barcelonas nicht sehr weit entfernt steht, ist sie kein störender Querschläger, an den sich die Skyline erst gewöhnen müsste. Unfrieden unter den Nachbarn konnte der Bau schon deshalb nicht auslösen, weil niemand wirklich nah am Torre wohnt. Das Hotel an seiner Seite ist neu, schräg gegenüber liegt ein Einkaufszentrum, ansonsten ist der Turm bisher bloß von heruntergekommenen Lagerhallen und Baustellen umgeben. Nach einigen Scherzen über die phallische Form ("der Vibrator") und verstreuten antimodernen Affekten wurde das Gebäude von den Barcelonern zügig, wenngleich ohne Enthusiasmus, als neue architektonische Ikone akzeptiert. Nur manche Stadtteil-Initiative, die sich der Immobilienspekulation im Poble Nou entgegenstemmt, empfindet den Torre, mit einigem Recht, als schlechtes Zeichen und dessen Ausstrahlung als leicht bedrohlich.

Der Architekt musste neben der Identität der Stadt auch eine Corporate Identity bedenken. Sein Turm ist Hauptsitz der städtischen Wasserwerke Aguas de Barcelona (kurz: Agbar), einer Firma, die mittlerweile weltweit in zwei Dutzend Ländern aktiv ist. Jean Nouvel hat für die Gestaltung des Gebäudes ganz einfach das Wasser- und das Expansionsmotiv miteinander kombiniert. Sein Haus mag aussehen wie eine Patrone, ist aber einem Geysir nachempfunden, dessen Fontäne aus dem Boden hervorschießt. Die rund wirkende, tatsächlich aber leicht oval umlaufende Fassade ist mit lackierten quadratischen Aluminiumplatten in 25 verschiedenen Farbtönen belegt. Im unteren Bereich des Baus dominiert das Rot von Erde und Feuer, mitunter züngelt es noch bis in die oberen Stockwerke hinauf. Dort setzt sich das Blau von Wasser und Luft durch. Die Kuppel ist transparent, mit einem weißen Kern. Das mag schließlich die Gischt sein – oder der Himmel.

Die Farben flirren, die Fassade funkelt. Das liegt allerdings weniger am Aluminium als am Glas. Denn zwischen den Aluplatten liegen die Fensterscheiben. Sie haben die gleichen Maße wie die Farbfelder und scheinen zudem ebenso regellos auf der Fassade angebracht zu sein. Das allein bringt die Lichtreflexe schon ordentlich zum Tanzen. Davor befindet sich allerdings noch ein zweites Raster aus knapp 60000 Glaslamellen, die wiederum in verschiedenen Winkeln vom Gebäude abgekippt sind. So verwandelt sich die massige Stele im glitzernden Spiel der Brechungen in einen fließenden Strahl aus Licht.

Bei so viel Effekt und Suggestion kommt es im Turminneren notwendig zur Enttäuschung. Die erleben gewöhnliche Besucher schon beim Betreten des Foyers. Umgehend wird ihnen mitgeteilt, dass der Torre Agbar nicht öffentlich zugänglich sei. Bisher bietet der Wasserkonzern auch keinerlei Führungen an. Immerhin darf jeder mal kurz ins Magma treten. Denn das Foyer befindet sich noch im roten, irdisch glühenden Teil des Zylinders. Nouvel belässt es entsprechend dunkel, mit schwarzer Politur auf Boden und Decke, fast wähnt man sich in einer Grotte. Eine Biegung weiter, vom ebenfalls geschwärzten zentralen Betonring des Hauses verdeckt, liegen die Aufzüge: sechs für die Angestellten am Außenring, zwei für den Führungsstab im Gebäudekern. Es versteht sich von selbst, dass die innen gelegenen Fahrstühle höher hinauf ins Licht schießen, nämlich bis zu den Chefetagen 31 bis 35.

Den Abstand zwischen oben und unten inszeniert Nouvel als Spannung zwischen Himmel und Hölle. Den großen Versammlungssaal hat er unter die Erde verlegt, schon weil er sich nicht in die übliche Etagen-Architektur hätte einfügen lassen. Die Wände des Untergeschosses sind mit Schiefer ausgekleidet, wie um tellurische Tiefen zu beschwören, und die Wände des abgedimmten Saals leuchten indirekt in violettem Licht. Hier stellt man sich keine nüchterne Bilanzpressekonferenz vor, sondern eher eine raunende Teufelsanbetung. 140 Meter höher herrscht dagegen lauterste Helligkeit. Die farbigen Aluminiumplatten reichen nur bis in die 20er Stockwerke. Auf der allerletzten, der möbelfreien 35. Etage ragt nur noch der weiß gestrichene Gebäudekern in den Raum wie die Nase eines Passagierflugzeugs, und darüber wölbt sich die verglaste Kuppel. Die 30er Etagen sind nicht mehr an der Fassade des Torre festgemacht. Sie hängen, auf Träger gelegt, lediglich am zentralen Block, schweben also fast im Raum – möblierte Wolken.

Die Chefs arbeiten "at the top" – in Holzboxen wie Zigarrenkisten

So weit, so zauberhaft. Nur herrscht zwischen dem Himmel im 35. Stock und der schicken Hölle Büroalltag. Da müssen Schränke an Wänden stehen und Schreibtische über Eck, da müssen Sitzungszimmer abgeteilt und Zimmerpalmen geduldet werden. Und kaum eines dieser Standardelemente fügt sich ordentlich ins elegante, farbenreiche Rund des Turms. Die Arbeit wird trotzdem getan, und die Agbar-Angestellten sind selbstverständlich stolz auf ihren neuen Arbeitsplatz. Doch wem Nouvels dynamisch-fließender Gesamtentwurf gefällt, der kann am Ende mit den kleinteiligen Stockwerken nicht zufrieden sein – und mit der Parzellierung der Chefetagen genauso wenig. Auf ihre Wolken hat Nouvel Einzelboxen aus Edelholz montiert, als handele es sich um Kisten edler Havanna-Zigarren. Und plötzlich gilt das alte Schlagwort wieder: lonely at the top.

142 Meter misst der Torre. In Barcelona darf noch zehn Meter höher gebaut werden. Als Richtschnur dafür dienen die beiden Tower am Yachthafen Port Olímpic, die anlässlich der Olympischen Spiele 1992 errichtet wurden. In bemerkenswerter Umkehrung des bekannten Falles München, wo die Frauenkirche seit wenigen Jahren die höchste Höhe vorgibt, wird in Barcelona ausgerechnet ein Kirchenbau die momentan festgelegte Höchstgrenze durchbrechen. Wenn irgendwann in zwanzig, dreißig Jahren die Vollendung der Sagrada Familia bevorsteht, wird deren zentraler Turm 170 Meter in den Himmel ragen. Jean Nouvel hat dort, wo der Blick vom Torre Agbar hinübergeht zur Baustelle von Gaudís "Bußetempel", besonders viele Fensterwürfel verteilt. Eine kleine, fast unsichtbare Hommage an einen anderen, den lokalen Meister der abgerundeten Formen.

Vom 18. November an zeigt das Deutsche Architektur Museum in Frankfurt die Hochhaus-Ausstellung "High Society", in deren Mittelpunkt der Torre Agbar steht; zusätzliche Informationen: www.dam-online.de