Bevor die Fahrt in die Röhre des Kernspintomografen beginnt, schmiert Doktorand Martin Thunemann durchsichtige Salbe auf die Augen der Labormaus. Zum Schutz vor dem Austrocknen, erklärt er, denn unter Narkose halten die Tiere ihre Augen geöffnet. Das betäubende Gas Isofloran wird über einen Schlauch direkt vor die Nase der Maus geleitet. Ein angenehm temperiertes Wasserbett sorgt dafür, dass sie nicht friert und damit nicht zittert. Schon bei der kleinsten Bewegung wäre auf den Bildern nicht mehr viel zu erkennen, sagt Bernd Pichler, Leiter des Labors für präklinische Bildgebung und Bildgebungstechnologie der Uniklinik Tübingen.

Um Alzheimer auf die Spur zu kommen, guckt man in Tübingen den Mäusen direkt ins Gehirn. Möglich macht dies zum einen der neue, speziell für Mäuse und Ratten entwickelte Kernspintomograf der Uniklinik, zum anderen ein Zwei-Photonen-Mikroskop im Keller des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung. Mit den Geräten können die Wissenschaftler den Verlauf der Krankheit am lebenden Tier beobachten.

Vor der Entwicklung bildgebender Verfahren für Kleintiere blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Mäuse jedes Mal zu töten, wenn sie Veränderungen im Gehirn untersuchen wollten. Damals konnte man immer nur punktuell gucken, sagt Mathias Jucker vom Hertie-Institut. Da sei es schwierig gewesen, Dynamik zu sehen.

Wie der Mensch wird auch die Maus zur Kernspintomografie in eine Röhre geschoben. Elektromagnetische Wellen regen darin die Wasserstoffatome der Körperzellen an. Aus den zurückgeworfenen Wellen errechnet der Computer hochauflösende Bilder. Als weltweit erstes Gerät arbeitet dieser Kernspintomograf für Kleintiere mit der gleichen Software, die auch in der Klinik für Menschen Anwendung findet. Wird ein neues Medikament oder eine neue Diagnosemethode an Mäusen getestet, können die Ergebnisse aus dem Tomografen zumindest theoretisch leichter auf den Menschen übertragen werden. Das vereinfacht die methodische Arbeit, sagt Pichler. Wenn Mäuse wie kleine Patienten behandelt werden, ist der Schritt zur Umsetzung in der Klinik nicht mehr so groß, findet auch der Hirnforscher Jucker.

Der Alzheimer-Experte ist einer der Ersten, der den neuen Kleintier-Kernspintomografen des Labors nutzen wird. Sein Ziel ist es, eine Diagnosemöglichkeit für ein spezielles Phänomen der Alzheimer-Erkrankung zu entwickeln. Abnormal gefaltete Beta-Amyloid-Eiweiße und deren Ablagerungen im Gehirn, so genannte Plaques, gelten als Ursache für den charakteristischen Gedächtnisschwund und den Verlust von Nervenzellen. Beta-Amyloid lagert sich immer an zwei Orten ab, in der Gehirnmasse und in den Gefäßen, erklärt Mathias Jucker. Bei der Erprobung eines Impfstoffs kam es zu Problemen: Es gelang nicht, die Ablagerungen auch an der Gefäßwand zu entfernen. Diese sind aber vermutlich für die möglichen Nebenwirkungen verantwortlich Hirnhautentzündung und Mikroblutung.

Beim Menschen sind die beiden Arten der Ablagerungen momentan nur sehr schwer zu unterscheiden, sagt Jucker, der im Besonderen diejenigen auf den Wänden der Adern untersuchen will. Aus diesem Grund soll an den Mäusen nun ein Farbstoff entwickelt werden, der die Blut-Hirn-Schranke passieren und als Indikator für die Gefäß amyloide dienen kann.

Doch in der Tierwelt tritt Alzheimer nicht auf normalerweise. Nur Eisbären, Kamele, Hunde und Primaten entwickeln überhaupt Amyloidablagerungen, sagt Jucker. Dass die degenerative Hirnerkrankung heute trotzdem an Mäusen untersucht werden kann, ist der Gentechnik zu verdanken. Mit Alzheimer in Verbindung stehende menschliche Gene werden in die Eizellen von Mäusen injiziert. Früher mussten die Wissenschaftler allerdings noch ein bis zwei Jahre warten, bis die Genmäuse Alzheimer-Symptome wie der Mensch entwickelten. Heute erkranken die transgenen Zuchttiere schneller. Schon nach sechs Wochen sind sie dement. Außerdem gelang es vor zwei Jahren erstmals, eine Alzheimer-Maus so zu modifizieren, dass die Plaques ausschließlich an den Gefäßen vorkommen - für Mathias Jucker das optimale Modell, um die Besonderheiten dieser Ablagerungen zu erforschen.