Noch funktioniert der Beck nicht ohne Paten. "Haste denn ma was von Machiavelli gelesen, Kurt?", fragt Gerhard Schröder alias Reiner Kröhnert gönnerhaft seinen Nachfolger. "Nee, Gerd, aber alle Winnetou- Romane", lässt der Kabarettist und Politiker-Imitator Kröhnert den SPD-Vorsitzenden treuherzig in breitem Pfälzerisch antworten. Beck als der gutwillig-harmlose Nachfolger aus der Provinz, der den machterprobten Altkanzler mit seiner braven, ironiefreien Art in den Wahnsinn treibt, die Nummer kommt an. Noch sei Schröder nicht ganz weg und Beck nicht ganz da, meint Kröhnert, Pfälzer, wie Beck. Aber: Er hat Potenzial.

Auf der politischen Bühne bemüht sich Beck seit gut drei Monaten, ebendies unter Beweis zu stellen. Am Tag nach den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern steht er im Foyer der SPD-Zentrale und berichtet vom Treffen mit den beiden "Wahlsiegern" Klaus Wowereit und Harald Ringstorff. Ihre Wahlergebnisse sind jetzt auch seine Wahlergebnisse, deshalb ist es ein "guuuder Tag" für die deutsche Sozialdemokratie, selbst wenn sie in Mecklenburg-Vorpommern zehn Prozent und in Berlin trotz ihres Wahlsiegs in absoluten Zahlen an Stimmen verloren hat.

Die SPD verliert Stimmen und Mitglieder, die Große Koalition scheitert mit der Gesundheitsreform an ihrem selbst gesteckten Ziel, aber Kurt Beck gelingt es, in diesem Jammertal als relativer Sieger dazustehen. Er hat an Kontur gewonnen, jedenfalls gemessen an seinen ersten, eher verunglückten Reden, in denen er sich zwischen deutschem Sozialstaat und indischem Kastenwesen verfranste. Er hat an einem Gesundheitskompromiss mitgezimmert, den zwar außerhalb der Berliner Bannmeile niemand versteht oder gar gut findet, den aber die Union immerhin für unerträglich sozialdemokratisch hält. Er hat einen Aufsatz unter der Überschrift Leistung muss sich wieder lohnen geschrieben und sich nach bester Schröder-Manier darangemacht, der CDU die "Mitte", die bei ihm das "mittlere Drittel" heißt, streitig zu machen. Der Beitrag war ein Vorgeschmack darauf, was Partei und Öffentlichkeit unter Beck von einer Programmdebatte zu erwarten haben: keine intellektuellen Höhenflüge, keine Visionen, aber eine gediegene Demonstration sozialdemokratischen Machtanspruchs.

In der SPD kommt das alles, summa summarum, gut an. Die Stimmung ist wieder besser als die Lage, Beck wirkt zufrieden mit sich. Er will jetzt ausholen. Man werde im Nahost-Konflikt, "ohne sich als Partei zu überheben", den Außenminister dadurch unterstützen, dass "wir viele Kontakte machen", sagt Beck zu Beginn der Woche, in der der Bundestag einen Einsatz der deutschen Armee im Libanon beschließen wird. Politisch, das weiß der SPD-Chef, muss er in den nächsten Monaten an Gewicht zulegen. Rechts von ihm winkt der schrumpelige Bronze-Brandt des Bildhauers Fetting in seine Richtung, hinter ihm prangt ein Schriftzug: "Die Kraft der Erneuerung." Die Fähigkeit, das Land zu erneuern, Persönlichkeiten wie Brandt, Schmidt, Schröder müssen Becks Bezugspunkte sein, nicht die 30-Prozent-"Erfolge" der jüngsten Vergangenheit, an denen die Partei sich gern misst. Und natürlich Angela Merkel, die Kanzlerin, angeschlagen zwar, aber machtbewusst, und mit einem Amtsbonus ausgestattet, der es ihr erlaubt, im nächsten Jahr als Ratspräsidentin der EU und G8-Vorsitzende ins Weltpolitische auszuweichen, während sich das politische Fußvolk mit der Mehrwertsteuer wird herumplagen müssen.

Das Gefühl des Unterschätztwerdens teilt Beck mit Merkel. 1979 schlug der damalige SPD-Landesvorsitzende Klaus von Dohnanyi Beck als Kandidaten für den Landtag vor. In der SPD war man keineswegs begeistert, wagte aber auch nicht, dem Chef zu widersprechen. Becks "Selbstständigkeit im pragmatischen Denken, seine handfeste Urteilsfähigkeit, sein gänzliches Unangekränkeltsein von den politischen Aufgeregtheiten der siebziger Jahre" hätten ihn damals für Beck eingenommen, sagt von Dohnanyi heute. Beck stieg weiter auf, 1994 wurde er Nachfolger von Scharping als Ministerpräsident, Nachnachfolger von Kohl, und wieder fragten sich alle: Ob der das kann? Er konnte. Dreimal in Folge gewann Beck danach die Landtagswahlen für seine Partei, zuletzt sogar mit absoluter Mehrheit.

Dass er Machiavelli vielleicht nicht studiert, aber verstanden hat, zeigte Beck in der Generalsekretärs-Affäre, die 2005 zum Rücktritt Münteferings führte. Erfolglos hatte Müntefering seinen Kandidaten Kajo Wasserhövel gegen die Parteilinke Andrea Nahles durchzusetzen versucht. Im Urlaub soll Beck, damals Münteferings Stellvertreter, schließlich per Telefon die Bitte um Intervention erreicht haben: "Der Franz hätte es gerne." Beck hielt sich raus. Müntefering trat zurück. Platzeck wurde Vorsitzender und trat zurück. Beck wurde Vorsitzender. Was sagst du nun, Gerd?

Beck, so sagen seine Freunde, habe in Rheinland-Pfalz gezeigt, dass er mehrheitsfähig sei, weit über die eigene Partei hinaus. Beck hat dort eine erfolgreiche, auch moderne Politik gemacht. Doch hat er noch nie einen Wahlkampf aus der Opposition heraus gewonnen, das Amt hat er von Scharping geerbt. Urbane Milieus, Großstädte, das gibt es in Rheinland-Pfalz im Grunde genommen nicht.