Klaus Brandner hat seinen Termin ins Freie verlegt. "In den nächsten Wochen werde ich keinen Sonnenstrahl mehr sehen." Der Sozialdemokrat blinzelt versonnen in das Abendrot hinter dem Reichstag. Die Große Koalition habe gerade eine neue Reformbaustelle aufgemacht: den Arbeitsmarkt. Bald werde er als Arbeitsmarktexperte seiner Fraktion viel Zeit in klimatisierten Räumen verbringen, um mit dem Koalitionspartner über den "Ausgleich" von sozialen und ökonomischen Interessen zu debattieren. Strittig ist vor allem, ob es künftig gesetzliche Mindestlöhne geben soll. Am Montag dieser Woche rangen sich Sozialdemokraten und Gewerkschaften zu einem gemeinsamen Ja durch. Die Union lehnt das Ansinnen dagegen strikt ab. Aber diese Position sei "durchaus umstritten", sagt Gerald Weiß, Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Arbeit und Soziales.

Ähnlich bunt wie die Meinungen in Berlin sind die Instrumente, mit denen Politiker seit Jahren für existenzsichernde Löhne und mehr Beschäftigung sorgen wollen. Das Instrumentarium zu reformieren haben sich Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag vorgenommen. Das Problem ist akut. Etwa 18 Prozent aller Vollbeschäftigten seien "Niedriglohnempfänger", sagt Thomas Rhein vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Als solche gelten alle, die weniger als zwei Drittel des mittleren Verdienstes in Deutschland (Medianlohn) erhalten. Nach dieser häufig verwendeten Definition lag die Schwelle zum Niedriglohn 2004 bei rund 1800 Euro brutto. Knapp 3,6 Millionen Menschen arbeiteten in diesem Jahr für einen geringeren Lohn.

Zugleich zahlen immer weniger Arbeitgeber Tariflöhne. Einem Bericht des SPD-Gewerkschaftsrates zufolge sind im Westen Deutschlands nur noch 68 Prozent der Beschäftigten durch Tarifverträge erfasst, im Osten sind es lediglich 53 Prozent. Und selbst die Tarifverdienste liegen niedrig: Bruttostundenlöhne zwischen drei und sechs Euro sind keine Seltenheit. Eine knappe Million Menschen erhält ergänzend zu ihrer Arbeit Arbeitslosengeld II. Es sei höchste Zeit, "Wildwest in der Lohnfestlegung" zu stoppen, erklärt der Christdemokrat Weiß. Niedrige Löhne würden oft nicht unproduktive Arbeit abbilden, sondern vor allem Machtverhältnisse am Arbeitsmarkt widerspiegeln. Der Staat müsse in dem "nicht unbedeutenden ungeregelten Bereich" Ordnungsmaßnahmen prüfen, fordert der Sozialdemokrat Brandner.