Geschichte als Waffenarsenal, als Fundus für entscheidende Schläge aus dem Hinterhalt, die nachhaltig Wirkung zeigen, das eigene Bild im Medienspiegel verzerren und verdüstern – kaum ein Spitzenpolitiker in der Bundesrepublik hat das so nachdrücklich erfahren wie Kurt Georg Kiesinger. In Philipp Gasserts ebenso monumentaler wie vorzüglicher Biografie ist das ein wichtiger Strang. Auch wer wie einst Karl Jaspers, Günter Grass, Heinrich Böll, Beate Klarsfeld annimmt, Kiesinger sei »ein alter Nazi«, sollte sie lesen. Denn er wird sein Bild ändern müssen, der Fall Kiesinger liegt komplizierter.

Der Schwabe Kiesinger, mindestens partiell vom politischen Katholizismus geprägt – die Mutter stirbt früh, der protestantisch-methodistische Vater heiratet abermals katholisch –, wird in der Weimarer Republik zum Vernunftrepublikaner. Im Frühjahr 1933 tritt er über Umwege – ein Freund »gewinnt« ihn, füllt den Aufnahmeantrag aus – in die NSDAP ein. »Nicht aus Überzeugung, nicht aus Opportunismus«, wird er später sagen – und Gassert hält das nach wirklich skrupulöser Prüfung für glaubwürdig –, sondern weil ihm die wichtigsten Ziele der braunen »Revolutionäre« damals nicht verwerflich schienen: eine sozial gerechte »Volksgemeinschaft«, das Ende wirtschaftlicher Not. »Judenhass« war Kiesinger fremd, aber er habe ihn 1933 »nicht als ernsthafte Gefahr« betrachten können.

Spätestens nach den Staatsmorden während des angeblichen »Röhm-Putsches« im Sommer 1934 erkennt er seinen Fehler, tritt nach besten juristischen Examen nicht in den Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund und auch nicht in den lockenden, seine junge Familie absichernden Staatsdienst ein. Fortan führt er eine Nischenexistenz im »Dritten Reich« als von seinen Schülern verehrter – sein Spitzname »Meister« ist nicht allein ironisch gemeint – Repetitor und kleiner Anwalt, der sich ein Parteiabzeichen borgt, wenn er zu Mandanten ins Gestapo-Hauptquartier muss, setzt sich mithin »ab in die innere Emigration«.

1940 nimmt er, den Gestellungsbefehl schon in der Tasche, das von einem seiner Schüler vermittelte »Rettungsangebot« einer Dienstverpflichtung ins Auswärtige Amt nur zu gern an. Bei der »Kulturabteilung Rundfunk« kommt er unter, erlebt die erbitterten Kompetenzkonflikte zwischen Ribbentrop und Goebbels mit, bringt es schließlich zum stellvertretenden Abteilungsleiter. Aber, so Gassert, es fehle »jeder Anhaltspunkt, der erlauben würde, Kiesinger in die Nähe des Judenmordes oder in die Nähe von Schreibtischtätern wie Adolf Eichmann zu rücken«. Ribbentrops Verbindungsmann zu Goebbels war er nie. Das angebliche Foto, das Kiesinger zusammen mit Hitler und Mussolini zeigt, existiert nicht. Im Gegenteil, Kiesinger habe »ein deutliches Maß an Illoyalität und Resistenz gegenüber dem NS-Staat an den Tag« gelegt. Nach dem 20. Juli 1944 referiert er in seinem Juristenkreis über Widerstandsrecht und Thomas von Aquin. Hörer wie Axel von dem Bussche verstanden die Botschaft, für sie war Kiesinger »eindeutig Anti-Nazi«. Im Amt wird er von Mitarbeitern als »Defaitist« denunziert, der die antijüdische Auslandspropaganda behindere. Den Beleg für diese Denunziation wird Conrad Ahlers, sehr zum Ärger von Rudolf Augstein, Kiesinger 1966 zuspielen, nachdem ihn Heinz Höhne bei seinen Recherchen über die SS entdeckte. Er wird allen CDU/CSU-Abgeordneten am Tag der Fraktionsabstimmung über die Kanzlernominierung in Kopie vorgelegt werden und den Weg ins Kanzleramt ebnen helfen. Allein, die Öffentlichkeit nimmt derlei Entlastungsmomente kaum wahr – »gerade das linksliberale Medienspektrum bewies gegenüber Kiesinger eine hohe vergangenheitspolitische Voreingenommenheit«, resümiert Gassert.

Weshalb wurde Kiesinger gebrandmarkt, musste fünf hier erstmals akribisch recherchierte »Entnazifizierungen« über sich ergehen lassen, wobei erst die letzte, von Beate Klarsfelds berühmter Ohrfeige begleitete, nachhaltig fatal für ihn ausging, während ein NSDAP-Ortsgruppenleiter wie Karl Schiller zum unangefochtenen SPD-Star des Jahres 1969 aufsteigen konnte? Weil der Union in den sechziger Jahren medienpolitisch der Wind ins Gesicht blies? Nicht allein, meint Gassert. Kiesinger hatte im Bestreben, aus dem ersten Verfahren 1946/47 als voll »entlastet« hervorzugehen, sich zu einem Widerstandskämpfer zu stilisieren bemüht und fortan mit immer ähnlichen Reflexen »grundsätzliche Schuldvermutungen mit widerstandsähnlichen Handlungen zu entkräften« versucht. Diese zunächst erfolgreiche Verteidigungsstrategie wirkte am Ende unglaubwürdig und schadete ihm.

Aber daran lag es nicht allein, dass Kiesingers Nachkriegskarriere so schleppend begann, auch wenn er von 1950 bis zum Tode 1988 ununterbrochen dem CDU-Bundesvorstand angehörte. Es bleibt verblüffend, was Kiesinger alles nicht wurde. Als CDU-Generalsekretär war ihm 1950 eine Mehrheit von zwei Stimmen zu wenig – darauf Adenauer, dem bekanntlich eine Mehrheit von einer Stimme zur ersten Kanzlerwahl genügt hatte: »Sie haben eine zu dünne Haut, Herr Kiesinger.« Allein den Vorsitz im Auswärtigen Ausschuss erringt er schließlich als gefürchteter und gefeierter Debattenredner. Der Weg 1958 nach Stuttgart als Ministerpräsident des von ihm mit geschaffenen Südweststaates: ein Ausweg, keine Sackgasse. Und wohl die glücklichste Zeit seines politischen Lebens.

Als an den Bonner Intrigen vor Erhards Sturz unbeteiligter Kompromisskandidat aus der Provinz kommt er mit Hilfe von Franz Josef Strauß und einem jungen, parteitaktisch bereits versierten Helmut Kohl über die »Südschiene« der Union an die Spitze der ersten Großen Koalition. Es dauert ein knappes Jahr, bis »sein« Kanzleramt funktioniert, das Küchenkabinett um Carstens, Guttenberg, Neusel, Ahlers etabliert ist – Gassert bietet hier anschaulichste Institutionengeschichte.

Die Koalition ist zunächst überaus erfolgreich, am Ende aber zerfällt sie über der von Horst Ehmke lancierten »Strategie des begrenzten Konflikts«, die eine Demontage des populären Kanzlers Kiesinger beinhaltet, der als »wandelnder Vermittlungsausschuss«, mithin als entscheidungsschwach, als zweiter Erhard präsentiert wird. Die Koalition zerfällt natürlich auch über der Ost- und Deutschlandpolitik. Nach dem Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes in Prag 1968 will die Union mehrheitlich, anders als Kiesinger, in die Gräben des Kalten Krieges zurück, Alleinvertretungsanspruch und Hallstein-Doktrin festschreiben, während die SPD um Brandt und Bahr – wie die oppositionelle FDP – nach Wegen für einen neuen Dialog mit Moskau sucht. Sie zerfällt über den Studentenunruhen, bei denen der SPD – zu Unrecht, wie Gassert andeutet – größere Dialogbereitschaft unterstellt wird als Kiesinger, zerfällt über der Wahl Heinemanns zum Bundespräsidenten, über der Kambodscha-Frage und dem Streit um die Aufwertung der D-Mark. In der Wahlnacht 1969 sieht Kiesinger über Stunden hinweg als Sieger mit absoluter Mehrheit aus, um dann in Sekunden alles zu verlieren.

Auch dieser Kanzler schied in Bitterkeit aus dem Amt. Er blieb ein Mann des Übergangs von der Adenauer-Zeit zur sozialliberalen Ära. Als er antrat, hatte die Union die »drei Häuser am Rhein« – das Präsidialamt, das Kanzleramt und das Bundestagspräsidentenamt – noch in ihren Händen. Drei Jahre nach Kiesingers Abwahl waren alle drei verloren an die SPD. Nicht zuletzt deshalb sollte auch Angela Merkel dieses Buch lesen. Denn wieder sind alle »drei Häuser in Berlin« von der Union besetzt, und wieder regiert eine Große Koalition…