Ratibor

Oberschlesien, wie das schon klingt: nach Kohle, Tragik, Hinterwelt. Man muss die Wortgespenster verscheuchen, dann kann es ein silberner Tagtraum sein. Feld. Wald. Fluss. Und ein Schloss unter alten Kastanien, der Wind geht durch die Blätter, die sich kräuseln zu braunem Krepp. In den blassen Himmel sticht ein Kirchturm aus hellrotem Backstein, septembersonnendurchglüht. Auf den Feldern Kartoffelfeuer, ihr Rauch würzt die Luft. Bloß, das Schloss ist eine Ruine, sein Park liegt wüst. Eine Tafel ringt um Worte: "Während der Front wurde das Schloss sehr beschädigt und später fand eine weitere Verwüstung statt." Und: "In diesem Schloss kam der berühmte Dichter Josef Freiherr von Eichendorff zur Welt."

Das hat er sich nicht träumen lassen, posthum ein Politikum zu werden. "Kaiserkron und Päonien rot, die müssen verzaubert sein, denn Vater und Mutter sind lange tot…" Nein, keine Kaiserkronen, nicht mal mehr die. Hier sind nur Brennnesseln und Löwenzahn und bis auf die roten Ziegelmauern gehäutete Reste von Schloss Lubowitz auf der Höhe über dem Odertal.

Hier saß er im Park und schrieb Verse. Stand am Fenster des väterlichen Schlosses, das bald unter den Hammer kam, ließ den Blick kreisen – über die Oder, die Wälder bis zu den blauen Bergen, denen am Horizont und denen in seinen Gedichten. Oder er ritt von Dorf zu Dorf oder ins nahe Ratibor, lag abends mit Freunden im Stroh und rauchte. Redete, wanderte, feierte, raufte durch den Sommer und flirtete mit den "Freilen", den Fräuleins der Gegend. Es gab ihn wirklich, den schlesischen Tagtraum, nachzulesen in seinen wie im Sattel hingekritzelten Jugendtagebüchern.

Nachmittags um fünf ist der Traum dann aus und die Gegenwart wieder ganz da. Ein Bus wird kommen, aus Deutschland, und der Eichendorff-Chor gibt ein Ständchen. Ältere Herrschaften steigen aus, Vertriebene, auch Bildungsreisende. Sie gehen zur Schlossruine und lassen sich von Leonhard Wochnik, einem der Deutschen, die blieben, als die Masse hinausmusste, erzählen, wie es hier ist. Dann ist es fünf. Im Saal, unter Eichendorff-Versen, singt der Eichendorff-Chor Glocken der Heimat. Sind das jetzt die Umtriebe, vor denen der polnische Ministerpräsident warnt?

Die polnischen Deutschen haben ein Wort für die aus den Bussen, "Traumtouristen", und Lubowitz hat ein kleines deutsches Museum. Es sind schlichte Dinge, die man dort zeigt. Hausrat, Fotos, Namen – von Dachböden aufgetaucht, wo sie in der Zeit, als es bei Gefängnisstrafe verboten war, auf der Straße Deutsch zu sprechen, versteckt waren. Auch polnische Nachbarn haben deutsche Spurenelemente gespendet. Läge Lubowitz in Deutschland, all das wäre reine Heimatkunde. Aber es liegt jetzt in Polen und heißt nun Lubowice, und so gerät das kleine Museum zur historischen Asservatenkammer. Die Zeugnisse deutschen Lebens hier können nicht anders, als Beweisstücke zu sein: Seht her, es gab uns!

Das jüngste Exponat ist ein vergilbtes Gedenkblatt mit winzigen Fotos von Dutzenden Männern darauf: die komplette Gefallenenschar eines hiesigen Dorfes aus dem Ersten Weltkrieg. Damals betrauert, werden diese Männer heute von einem Souffleur namens Erinnerung als Zeugen aufgerufen: Ja, wir waren deutsche Oberschlesier. Wir lebten hier.