Ich will mit dem Frauenthema irgendwie abschließen. Ich will nicht mehr so viel in diese Richtung schreiben. Aus Anlass des Papstbesuches erzähle ich, wie ich beinahe Muslim geworden wäre. Als meine Eltern sich kennen lernten, durchlebte meine Mutter eine Phase glühender Religiosität. Sie sagte: »Der Mann, der mich freit, muss den Papst ehren. Mit einem Ketzer werde ich das Lager niemals teilen.« Mein Vater dagegen war in religiösen Dingen vollkommen indifferent. Ich glaube nicht, dass er auf Befragen spontan gewusst hätte, welcher Konfession er angehört. Er besuchte also achselzuckend den Religionsunterricht, trat achselzuckend zum Katholizismus über und unterschrieb achselzuckend, dass etwaige Kinder radikal katholisch erzogen werden. Wenn sie verlangt hätte, dass er Muslim wird, hätte er dies ohne Zweifel ebenfalls getan, weil das, woran man eh nur zum Schein glaubt, letzten Endes egal ist, ich aber wäre heute Harald al-Raschid, genannt das schreibende Schwert, der gefürchtete Chefkommentator bei al-Dschasira.

Wie den meisten ehemals kritischen Geistern ist auch mir der Katholizismus in den letzten Jahren wieder sympathischer geworden. Wenn alles sich dauernd ändert und keiner mehr Prinzipien hat, erscheinen einem Beharrlichkeit und Tradition automatisch attraktiv. In meiner Kindheit repräsentierte die Kirche Macht, heute repräsentiert sie Ohnmacht und Opposition. Die Kirche kann das Verbot der Masturbation und der Empfängnisverhütung und all das andere kuriose Zeug nicht mehr durchsetzen, das macht sie sympathisch wie einen Fußballverein, der tolle Fans hat, aber häufig verliert, etwa den FC St. Pauli. Die Kirche ist Pop geworden. Sie singt ein Lied, dem man hin und wieder gern zuhört. Mehr nicht. Ein echtes Zurück zum Glauben aber kann es aus dem gleichen Grund nicht geben, aus dem man die Zahnpasta nicht zurück in die Tube bekommt. Bizarr finde ich in diesem Zusammenhang eine geistige Strömung, für die ich das Wort »Feuilletonkatholizismus« gelesen habe. Das sind Kollegen, die sich im Beruf zum Glauben bekennen, obwohl sie privat nicht im Traum daran denken, sich wenigstens an einige der Zehn Gebote zu halten. Schon an der Nächstenliebe scheitern die meisten. Noch bizarrer finde ich schwule Katholiken. Da könnte man genauso gut als Alkoholiker zum Islam übertreten und hoffen, dass der Ajatollah eines Tages seine Politik ändert und einem wenigstens den Grappa erlaubt.

Irgendwann in meiner Kindheit muss sich ungefähr folgende Szene abgespielt haben: Mein Vater faltete, wie jeden Abend, die Hände zum Tischgebet. Meine Mutter blickte auf und sagte scharf, dass sie sich diesen Aberglauben in Zukunft verbitte, sie habe nämlich erkannt, dass der Papst ein Scharlatan sei, die einzige richtige Lehre und Weltsicht vertrete die SPD, und zwar ihr linker Flügel. Mein Vater zuckte mit den Achseln und war von diesem Tag an Sozialdemokrat, linker Flügel. Ich wurde sozialdemokratisch erzogen und dachte, nach dem Tod kommen die bösen Menschen zu Konrad Adenauer, die guten zu Willy Brandt. Wie ich von diesem Glauben abgefallen bin, ist wieder eine andere Geschichte.

Lebenszeichen 2006
Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - inzwischen chronologisch archiviert »