DIE ZEIT: Herr Richter, welche Rolle hat Ihr Berufsstand der Psychologen und Psychiater in der öffentlichen Diskussion um Natascha Kampusch gespielt? Martin Pudenz fotografierte Horst-Eberhard Richter vergangene Woche in Gießen BILD

Horst-Eberhard Richter: Ich sehe zwei Fraktionen. Die einen haben sich angemessen verhalten, indem sie ihre Achtung vor der jungen Frau bekundet haben, vor der Reife und Selbstbestimmung, die Frau Kampusch offenbar gewonnen hat. Diese Kollegen haben verstanden, dass jetzt nicht Gelegenheit ist, mit eigener Deutungshoheit zu glänzen, sondern sich einzugestehen, dass man überrascht ist. Denn die Frau hat alle Fachleute verblüfft, auch mich.

ZEIT: Und die zweite Fraktion?

Richter: Da wollten sich einige wie Gutachter eines klinischen Falles bemächtigen. Ist Frau Kampusch glaubwürdig? Ist nicht alles nur auswendig gelernt? Irgendwann wird sie zusammenbrechen. Sie brauche nun eine langjährige psychologische Betreuung. Kann sein, dass sie sich das wünscht. Muss aber nicht sein. Warum wartet man nicht ab, was sie will? Jedenfalls beweist sie, dass ihren Selbstheilungskräften viel zuzutrauen ist.

ZEIT: Direkt nach dem Interview, das in Deutschland auf RTL ausgestrahlt wurde, erklärte Günter Hübner, der vom Sender als »Experte für Körpersprache« bezeichnet wurde: »Sie kann’s noch nicht fließen lassen.«

Richter: Dass sie beim Reden stockte, konnte ohnehin jeder bemerken. Die starke Anspannung und das Ringen nach Worten – das war doch unter dem Druck der Situation vollkommen einfühlbar und kein Defizit. Einen Psychologen ließ man auch über Nataschas künftige Liebesfähigkeit spekulieren. Auch dies eine Peinlichkeit. Denn sie hat ganz unmissverständlich signalisiert, dass ihr Innenleben ihr allein gehört und dass sie nicht von Expertendiagnosen oder –prognosen vereinnahmt werden will. Der Druck voyeuristischer Begehrlichkeit des Publikums verführt die Medien zu wachsender Schonungslosigkeit und Experten zu Enthüllungsfreudigkeit bis an die Grenze des juristisch Erlaubten. Aber Entlarven-Wollen ist etwas anderes als Einfühlung erleichtern. Legitim ist es auch, dass Experten als eine Art Übersetzer tätig werden, wenn Leute sich schwer artikulieren können. Aber im Fall Natascha musste man schnell erkennen, dass die junge Frau sich selbst viel besser definieren kann, als dies andere könnten. Dann muss man als Experte zurücktreten.

ZEIT: Die Psychologin Dorothea Böhm sagte der Abendzeitung nach der Ausstrahlung des Fernseh-Interviews: »Sie hatte alle Symptome eines traumatisierten Menschen.« Und der Psychiater Max Friedrich saß während der Aufzeichnung des Interviews für Zuschauer sichtbar im Bildhintergrund. Nachdem es gesendet worden war, erklärte er der Öffentlichkeit: »Den Panzer braucht sie zum Überleben.«