Philip Kitchers Plädoyer für eine Ethik ohne Gott (ZEIT Nr. 38/06) ist eine ausgezeichnete Vorlage für eine gründlichere Bestimmung des Verhältnisses von Ethik und Religion. Sein Votum läuft darauf hinaus, die Religion in der Wertedebatte einfach beiseite zu setzen. Auf das aktuelle Argument, Religion sei ein gefährliches Gift, gefährlicher noch als das sedierende Opium fürs Volk, weil sie in ihrer fundamentalistischen Version Terror und Gewalt legitimiere, verzichtet er vollständig. Die Frage, ob die beiseite gesetzte Religion etwas Gutes oder Schlechtes ist, entfällt, wenn sie für die Begründung einer Ethik entbehrlich ist und eher stört.

Ethik ist nach Kitcher ein Produkt der Evolution. Vielleicht ist ihm seine soziobiologische Rekonstruktion der Spielregeln menschlichen Zusammenlebens von den Schimpansen bis zu Homo sapiens sapiens etwas zu holzschnittartig geraten, zu heftigem Widerspruch reizt sie eigentlich nicht. Allenfalls provoziert seine Ethik ohne Gott Nachfragen. Etwa danach, was es mit der Grenze auf sich hat, die zwischen den Primaten mit und ohne Fähigkeit zur Reflexion verläuft.

Gibt es sie überhaupt? Immerhin zeigen die Schimpansen doch schon deutliche Ansätze von Altruismus und Empathie.

Wir sollten unsere Geschwisterlichkeit mit den Affen nicht übertreiben. Wir sollten sie gut behandeln, aufpassen, dass sie nicht ausgerottet werden, aber wir sollten uns am Ende doch nicht mit ihnen verwechseln. Gerade weil die Grenze zwischen Mensch und Tier nicht messerscharf gezogen ist, sollten wir sie nicht verschmieren. Die Fähigkeit von Homo sapiens zur Introspektion, zur Ausbildung von Selbstbewusstsein, zur Produktion von symbolischen Formen und Sprachen, mit denen fiktive Realitäten geschaffen und sogar in nicht-fiktive überführt werden, bedeutet einen Qualitätssprung, dessen Bedeutung man kaum übertreiben kann.

Was die Spielregeln des Zusammenlebens angeht, so hat sich im Verlauf der Evolution so etwas wie ein innerer Autopilot herausgebildet.

Unsere Horde ist tatsächlich durch die ganze Gattungsgeschichte durch Gene gesteuert. Wie allen Lebewesen sagen sie auch uns, wie wir agieren und reagieren sollen, und sie geben uns, wie allen Lebewesen, bestimmte Lernschablonen vor, die je nach Bedarf zum Einsatz kommen können. Das kann man durchaus einmal Ethik nennen. In einer ersten ursprünglichen Bedeutung bezeichnet nämlich das griechische Wort Ethos das, was man üblicherweise und immer tut. Weil sich das Schwein immer am selben Platz niederlegt, kann Ethos auch einmal Schweinekoben bedeuten.

Mit seiner schon fast göttlichen Fähigkeit zur Reflexion, an der so ziemlich alles hängt, was gut und edel ist, das Ich mit seiner Kreativität, Spontaneität, Fantasie, Freiheit und so weiter, hält Homo sapiens plötzlich ein zweites Steuer in der Hand, mit dem er auch seine eigenen Instinkte toppen kann. Er kann sie verlangsamen, beschleunigen, umlenken, den Autopiloten aus- und anknipsen. Wir alle sind erst einmal Triebtäter, sind aber im Allgemeinen so frei, es nicht zu bleiben. Die Möglichkeit zur Entscheidung ist der entscheidende Qualitätssprung.