Es gibt etwa eine halbe Million verbürgte Grafiken des spanischen Exzentrikers Salvador Dalø (1904 bis 1989). Das ist schon eine Riesenmenge, doch noch viel größer ist die geschätzte Zahl der Fälschungen: Sie ist zehnmal so hoch. Der Markt mit Dalø-Grafiken ist so unübersichtlich, dass wir seit Jahren keine Einzelblätter mehr zur Auktion annehmen, sagt der Print-Experte von Christies, Tim Schmelcher. Der Beweis ihrer Echtheit beziehungsweise Unechtheit ist einfach nicht zu erbringen.

In den florierenden Markt mit Dalø-Fälschungen sind viele verstrickt.

Dazu gehören einige Vertraute des Künstlers ebenso wie selbst ernannte Experten oder Händler auf pazifischen Inseln und an anderen exotischen Plätzen. Aussteller präsentieren die fragwürdigen Blätter gezielt da, wo ein mit dem Kunstmarkt nicht vertrautes Publikum bereit ist, viel Geld für den großen Namen auszugeben: in amerikanischen Holiday Resorts, auf Kreuzfahrten oder in der Provinz. Diesem Wildwuchs und der Geschäftemacherei leistete der Künstler angeblich selbst amüsiert Vorschub. 350000 Blankobogen soll er signiert haben. Viele Helfer haben dabei wohl dem greisen Surrealisten ungefragt ihre Hand geliehen.

Einige Fälscher hat man dingfest machen können, die meisten Betrüger kommen davon. Erwischt hat es nun kürzlich ausgerechnet den Koautor des Werkverzeichnisses der Grafiken und Lithografien Daløs, Ralf Michael Michler. Er wurde von der 12. Strafkammer des Landgerichtes München wegen besonders schwerer Urkundenfälschung in mindestens 108 Fällen, jeweils in Tateinheit mit einem besonders schweren Fall des Betrugs zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt. Den Schaden durch die Verkäufe von Fälschungen bezifferte das Gericht auf mindestens 724911 Euro. Der Schaden, der bei den letztlichen Endkunden entstanden ist, beläuft sich auf ein Vielfaches davon, heißt es in der Urteilsbegründung.

Dennoch ist Michler nur ein kleiner Fisch im großen Karpfenteich der Mitverdiener. Bereits 1994 wurden in der New Yorker Galerie des inzwischen verstorbenen Léon Amiel 60000 falsche Dalø-Blätter beschlagnahmt neben 18000 ebenfalls gefälschten Miró-Drucken. Bei dem Prozess berichtete die Tochter des Galeristen, dass die Fälschungen über ein Netz von 40 amerikanischen und europäischen Galerien vertrieben worden waren. 1999 verurteilte ein französisches Gericht sieben Kunstverleger zu Gefängnisstrafen und Geldbußen, weil sie 100000 gefälschte Lithografien Daløs in Umlauf gebracht hatten.

Ein Jahr darauf verhaftete die Polizei den Exmanager des Künstlers, Captain Peter Moore - in seinem Haus im spanischen Cadaques wurden 10000 gefälschte Daløs beschlagnahmt. Aufgrund seines Alters und seines Gesundheitszustandes wurde Moore nicht mehr verurteilt, zahlte aber mehr als eine Million US-Dollar als Entschädigung an die Gala-Salvador-Dalø-Stiftung. Moore starb 2005.

Als das Werkverzeichnis der Druckgrafik von Michler und Lutz Löpsinger 1994 im Prestel Verlag erschien, erhoffte sich die Kunstszene davon Durchblick im Wirrwarr von echt, fragwürdig oder falsch. Die Machenschaften Michlers, der früher in München eine Galerie betrieb, lassen nun das ganze Verzeichnis in einem fragwürdigen Licht erscheinen. Im Jahr 2000 hatte Michler seinen Expertenstatus noch genutzt, um bei der von 80000 Besuchern frequentierten Ausstellung Dalø, Mara e Beppe, Bilder einer Freundschaft aus der italienischen Sammlung Albaretto (ZEIT Nr. 33/04) im Römischen Museum Augsburg Zweifel an der Echtheit von etwa dreißig Blättern anzumelden.