Eine Garantie fürs Glück gibt die Demokratie ihrem Bürger nicht nicht einmal zum Dank für seine Wählerstimme. Lange Zeit galten in der Koalitionsrepublik Deutschland jedoch zwei Faustregeln. Beherzigte der Wähler sie an der Urne, bekam er halbwegs, was er wollte. Kleine Parteien zu wählen sicherte großen Einfluss (weil sie, wie Grüne oder FDP, einer Koalition erst ihre Richtung gaben). Die Wähler der Volksparteien SPD und CDU wiederum erhielten für ihr Votum zumindest die Chance, die jeweils andere Truppe von der Regierung fern zu halten. Die Bildung der Großen Koalition aus den Trümmern eines unmöglichen Wahlergebnisses im vergangenen Herbst hat mit diesen Gewissheiten Schluss gemacht. Konsterniert stellt der Bürger seitdem fest: Ich kann wählen, wen ich will, wer am Ende regiert, bleibt unkalkulierbar. Seither steht über Wahltagen die Frage: Wie finden Wählerstimme und Wählerwille wieder zueinander?

Die Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern zeigen, dass die Chaotisierung des vorigen Herbstes keine Ausnahme geblieben ist.

Man könnte auch sagen: Das Unglück, aus dem Große Koalitionen geboren werden, vermehrt sich selbst da, wo am Ende nicht Schwarz-Rot regiert. In Schwerin, wo Rot-Rot nur noch eine Stimme Mehrheit hätte, verhandelt SPD-Ministerpräsident Ringstorff auch mit der CDU, um im Zweifel ein Kabinett auf breiterer Basis zu bilden.

In Berlin ist das Wahlergebnis bloß auf den ersten Blick eindeutiger, tatsächlich aber auf schräge Weise unübersichtlich. Bürgermeister Wowereit ist nur durch Glück der Merkel-Alternative entgangen, entweder ein Dreierbündnis bilden zu müssen oder eine Große Koalition zu erwägen. Was Wowereit rettete, war das spektakuläre Ergebnis von knapp 14 Prozent für die sonstigen Parteien, die damit zusammengenommen noch vor PDS, Grünen und FDP lagen, aber anders als diese nicht im Abgeordnetenhaus vertreten sind. Das Wahlergebnis im Land Berlin ist also nicht minder unmöglich als das im Bund vom vorigen Herbst.

Blickt man sich in Deutschland um, wird die Republik an erstaunlich vielen Stellen von Unfällen bestimmt. Schwarz-Rot in Schleswig-Holstein verdankt seine Existenz dem Rachefeldzug eines unbekannten Abgeordneten gegen Heide Simonis - Schwarz-Rot in Sachsen ist eine kuriose Hochzeit von Riese und Zwerg, bei der die SPD mit gerade mal 9,8 Prozent Wählerstimmen nur deshalb auf die Regierungsbank kam, weil zugleich die NPD in den Dresdner Landtag einzog. Wegen solcher Geburtsfehler müssen die Kabinette noch lange keine schlechte Arbeit leisten. Doch Große Koalitionen vermehren sich, obwohl die Wähler sie nicht wählen und die Gewählten sie nicht wollen.

Würfelspielen ist keine geeignete Methode der Regierungsbildung. Doch Große Koalitionen sind der institutionalisierte Zufall der deutschen Politik. (Allenfalls das Bündnis in Bremen kann als Liebesheirat durchgehen, wenn auch als angegraute.) Deshalb wohnt ihnen ein Zweifel inne, der sie politisch schwächer macht, als sie rechnerisch erscheinen. Für die großen Mehrheiten, über die sie verfügen, mangelt es ihnen auffallend oft an der Entschlossenheit zu handeln. Ihnen fehlt eine Kraft, die Politiker brauchen, um mutig zu sein: die Zuneigung des Volks. Es ist also kein Wunder, wenn Koalitionen des Zufalls oft Koalitionen der Zögerlichkeit sind. Wie aber bekommt der Wähler wieder, was er will?

Die Antwort klingt paradox: Wer Schwarz-Rot verhindern will, muss wohl oder übel Schwarz oder Rot wählen. Der Gedanke dürfte besonders die Individualisten in der Wahlkabine beunruhigen. Jahrelang konnten sich die Verfechter kleiner, oft neuer Parteien als Taktgeber der Gesellschaft fühlen. Und nach wie vor ist es ehrenwert, mit einer Stimme für die Kleinen eine Belebung der Parlamentsdebatten zu sichern oder den Regierenden eine lautstarke Opposition angedeihen zu lassen.