Budapest

Am Morgen harren noch gut 100 Ungarn mit verbrannter Nationalflagge vor dem Parlament aus, am Nachmittag werden es wieder mehr sein. 10000 waren es in der Nacht zuvor. Da brannten Autos, es gab mehr als 100 Verletzte, sogar das Gebäude des staatlichen Fernsehsenders wurde gestürmt und zum Teil in Brand gesetzt. Budapest erlebte die schwersten Unruhen seit dem Ende des Kommunismus. Die Demonstranten fordern den Rücktritt von Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány.

Wir haben am Morgen, am Abend und in der Nacht gelogen. Dieser Satz des Ministerpräsidenten, vorgetragen in einer nichtöffentlichen Fraktionssitzung kurz nach seiner Wiederwahl im April, kreist immer noch durch das Land. Unbekannte hatten den Medien einen Mitschnitt zugespielt. Seither wissen die Ungarn, dass ihre Regierung sie vor der Parlamentswahl über die wirtschaftliche Lage des Landes belogen hat und nach eigenem Eingeständnis nur durch Hunderte Tricks die Wahl gewann.

Die Stimmung ist schlecht im Lande. Gerade wurde die Mehrwertsteuer erhöht, eine Maßnahme, von der im Wahlkampf niemand gesprochen hatte.

Dennoch wird das Haushaltsdefizit in diesem Jahr wohl zehn Prozent überschreiten es ist mit Abstand das höchste in der EU. Im kommenden Monat will das Land der Revolution von 1956 gedenken, in zwei Wochen stehen Kommunalwahlen an. Wenn am kommenden Samstag die großen Kundgebungen der Parteien stattfinden, wird Gyurcsány seine Ankündigung, mit allen Mitteln für Ordnung zu sorgen, wohl wahr machen müssen.

Was ist bloß los in den vor zehn Jahren noch so gefeierten jungen Demokratien Osteuropas?

Wir haben eine demokratische Krise, sagt Attila Mong, Chefredakteur des ungarischen manager magazins und Verfasser eines Buches über Korruption in Wirtschaft und Politik. Die Leute sind desillusioniert.