Budapest leuchtete in allen Farben des Herbstes, und niemand konnte an diesem strahlenden Tag ahnen, dass der 23. Oktober 1956 zu einem Datum der Weltgeschichte werden würde. Es war ein Dienstag (wie der 14. Juli 1789 ein Dienstag gewesen war), als die »unerwartete Revolution« begann – mit zwei mächtigen Demonstrationszügen der Studenten. Sie demonstrierten aus Sympathie für die Reformer in Polen, die darangegangen waren, einen eigenen Weg zum Sozialismus einzuschlagen. In Posen hatte es im Juni Streiks und Unruhen gegeben, Menschen waren dabei umgekommen. Kreml-Chef Nikita Chruschtschow, der durch seine Abrechnung mit dem Stalinismus auf dem Moskauer Parteitag der KPdSU im Februar unfreiwillig selber das Signal zum Aufbruch gegeben hatte, drohte Polen jetzt mit einer Intervention. Dass es auch in Budapest brodelte, dass es zu Demonstrationen »von unten« kam, war für die kommunistische Parteiführung Ungarns, die nur »von oben« verordnete Massenaufmärsche kannte, etwas ganz Unerhörtes. Als Stalin aus den Stiefeln kippte: Eine Gruppe Aufständischer hisst am 24. Oktober 1956 auf den Trümmern des Budapester Stalin-Denkmals die Fahne des freien Ungarns BILD

Und noch mehr schier Unglaubliches geschah: Auf den Flugblättern, die des Nachts in den Universitätsbüros vervielfältigt worden waren, forderten die Studenten zum ersten Mal schwarz auf weiß den Abzug der sowjetischen Truppen. Außerdem: die Einberufung des Parteikongresses und die Wahl einer neuen KP-Führung; die Bildung einer neuen Regierung unter Imre Nagy und die Entfernung der verbrecherischen stalinistischen Führer; freie Wahlen, also ein Mehrparteiensystem, freie Presse, freien Rundfunk und nicht zuletzt den Sturz des Stalin-Denkmals.

Wo immer der mächtige Protestzug vorbeimarschierte, kam das Leben zum Stillstand. Die Menschen winkten aus den Fenstern, die Straßen dröhnten von Parolen. Die Demonstranten schwenkten ungarische und polnische Fahnen.

Viele Passanten, vor allem junge Arbeiter, schlossen sich den Studenten an. Die Losungen klangen immer radikaler und nationaler: »Russen raus!«, »Nagy an die Macht!«, »Bleibt nicht stehn auf halbem Weg, fegt den Stalinismus weg!«, »Bist du Ungar, bist du mit uns!« Mehr und mehr Fahnen tauchten auf, aus denen man den roten Sowjetstern herausgeschnitten hatte. Laut schmähte man die Stalinisten, allen voran Mátyás Rákosi. Der verhasste Generalsekretär der KP hatte sich bereits im Juli nach Moskau abgesetzt und intrigierte dort heftig gegen die Reformer.

Mit dem Ruf »Jetzt oder nie!« stürmt die Menge das Denkmal

Der 23. Oktober 1956 war ein politisches Naturereignis – indes wie so manche eruptive Empörung ohne Zentrum, ohne Konzept und ohne koordinierte Führung. Dass die fast 900.000 Mitglieder starke Partei der Ungarischen Werktätigen (MDP) nur ein Koloss auf tönernen Füßen war, bewiesen gleich die nächsten Stunden. Die unübersehbaren Menschenmassen setzten sich in Richtung des mächtigen Budapester Parlamentsgebäudes am Donauufer in Bewegung. Sie wollten ihren Helden hören, der die Hoffnung der Opposition verkörperte: Imre Nagy. Anfang 1955 war er von den Stalinisten gestürzt und erst gerade wieder in die Partei aufgenommen worden. Ähnlich wie in Polen, wo das ZK-Plenum am 18. Oktober den wenige Monate zuvor aus der Haft entlassenen »Reformkommunisten« Władysław Gomulka zum Parteichef gewählt hatte, so sollte jetzt in Ungarn Nagy auf den Schild gehoben werden.

Vor dem Parlament und in den umliegenden Straßen waren bei Einbruch der Dunkelheit um 18 Uhr rund zweihunderttausend Menschen versammelt. Sie alle riefen immer wieder nach Nagy.