Wenn er Frühschicht hat, steht er um halb fünf auf, trinkt einen Tee und setzt sich dann in seinen alten Honda, der vor dem Wohnhaus im Duisburger Stadtteil Walsum steht. Sechs Kilometer sind es zum Werkstor 18 von ThyssenKrupp, das ist frühmorgens in zehn Minuten zu schaffen. Um halb sechs sitzt er im Kraftwerk, auf seinem Stuhl vor den Monitoren. Acht Stunden lang wacht er darüber, dass in der Stahlschmiede der Strom nicht ausgeht, dann fährt er zurück, hilft der Tochter bei den Hausaufgaben, manchmal legt er sich eine halbe Stunde hin. Abends der Tee mit Freunden und Verwandten. So geht das fast jeden Tag, seit nunmehr 14 Jahren. BILD

Er ist 42, trägt ein enges T-Shirt, Markenjeans und weiße Turnschuhe. Wenn er Worte wie »Mensch« benutzt, klingt das nach Ruhrpott. Er heißt Hasan Sahin und sagt, er sei kein Türke. Er sei auch kein Deutscher, obwohl er seit Jahren einen deutschen Pass besitzt. Früher war für Sahin Heimat dort, wo er geboren wurde, in einem kleinen Dorf in der Nähe der Stadt Erzincan. Heute sei Heimat da, wo er lebt. »Wir sind Menschen«, antwortet er der Tochter, wenn die ihn nach der Herkunft fragt. Sie sind voll integriert: Ausländer in deutschen Betrieben BILD

Sahin bringt öfter eine Portion Schafskäse mit auf die Schicht. Sein deutscher Kollege bringt Brötchen. Das teilen sie dann.

In Deutschland leben 15 Millionen Menschen, die Ausländer sind oder Deutsche, deren Eltern aus dem Ausland stammen. Fast drei Millionen Menschen mit ausländischem Pass arbeiten in deutschen Betrieben. Sie stehen am Band, schaffen auf dem Bau, sitzen im Büro. Sie sind Arbeiter, Handwerker und hoch qualifizierte Fachkräfte, manche auf dem Weg nach oben. Aber wenn Deutschland über seine »Ausländer« redet, redet es meist über Probleme. Es diskutiert über Arbeitslosigkeit, schlechte Bildung, überforderte Schulen, Ghettos und Kriminalität, über Kopftücher, Islamismus und mangelnde Integration. Es betrachtet Migration mit großer Sorge und Migranten als große Bürde.

Die Probleme existieren: Ein Viertel aller Zuwanderer hat keine Arbeit, genauso viele gelten als arm. An den Hauptschulen sind Ausländer weit überrepräsentiert, an den Gymnasien weit unterdurchschnittlich vertreten; in Berlin-Neukölln oder Duisburg-Marxloh leben sie in autarken ausländischen Parallelwelten. Aber 75 Prozent aller Migranten haben Arbeit, viele verdienen ordentlich. 90000 ausländische Kinder sind in den Gymnasien auf dem Weg zum Abitur. Die Mehrheit der Zuwanderer und ihrer Familien lebt ein normales deutsches Leben, wie Hasan Sahin.

Die meisten Migranten kamen wegen der Arbeit nach Deutschland. Arbeit ist das Tor in die Betriebe und ebnet den Weg in die Gesellschaft, Arbeit macht die Ausländer zu deutschen Steuerzahlern und zu deutschen Rentensparern. Arbeit zu haben bedeutet Normalität – und Integration.

Unzähligen Ausländern wird in Deutschland allerdings die Arbeit verboten. Viele tausend bleiben ohne Lehrstelle. Und über jene, die arbeiten und integriert sind, redet die Republik nur selten. Kollege Immigrant bleibt meistens unsichtbar.