Ismail Kaya war zwölf, als er 1974 in Deutschland eintraf. 1979 begann er seine Lehre, 1982 fuhr er zum ersten Mal unter Tage ein. Heute trägt der kräftige Mann neben dem schweren Drillich eines Grubenarbeiters einen roten Helm, der ihn als Sicherheitsbeauftragten der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop ausweist. Er verdient 81,10 Euro pro Schicht, mit Zulagen 2000 Euro im Monat.

»Auf Arbeit«, meint er, sei »datt« – Kaya sagt immer datt – »alles kein Problem, vor der Kohle sind alle schwarz«. In Bottrop habe er vor allem türkische Freunde. Aber Kaya sitzt auch im Integrationsrat der Stadt und hat mitgeholfen, Deutschkurse für Migrantenkinder zu organisieren. Er engagiert sich in der Pflegschaft der Schule seiner Töchter und wohnt in einem Vierparteienhaus mit zwei deutschen Familien und einer alten deutschen Dame, der er manchmal hilft.

Seinen türkischen Pass hat Kaya allerdings noch immer. Den will er auch behalten, bis ans Lebensende.

Ismail Kayas Vater kam Anfang der Sechziger aus der Kohlestadt Zonguldak ins Ruhrgebiet. Über Integration sprach damals in Deutschland niemand. Wie die Deutschen und Hunderttausende andere Gastarbeiter dachte auch Kaya senior, dass er nach einigen Jahren in die Heimat zurückkehren würde. Er blieb, weil er gebraucht wurde.

An der Abendschule lernte er Deutsch, in der Zeche wurde er Dolmetscher für die türkischen Kollegen. Seinen drei nachgezogenen Söhnen sagte er, dass die Arbeit unter Tage Zukunft habe. In die Gewerkschaft war er schon kurz nach der Ankunft in Deutschland eingetreten.

Die Gewerkschaft sorgte für Gleichberechtigung, wenigstens im Betrieb. Von 1972 an durfte Kaya nicht nur den Betriebsrat wählen, sondern auch Betriebsrat werden. Damit wurden die Unternehmen zum einzigen Ort in der Bundesrepublik, an dem Ausländer politisch mitbestimmen konnten. Nicht nur für Kaya war dies die erste Begegnung mit wirklicher Demokratie. Viele Spanier, die während der Franco-Diktatur hier »die demokratische Kultur kennen gelernt, nicht in den Büchern, sondern in der Fabrik«, sagt der spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero ( ZEIT Nr. 37/06).

Adewale Adekoyeni stammt aus Nigeria, und wäre er dort geblieben, wäre er kein überzeugter Demokrat geworden, sondern König aller 250000 Ijebu-Odi. Die Frauen seines Stammes würden vor ihm auf die Knie fallen. Adekoyeni trägt Gold um den Hals, er zitiert deutsche Sprichworte und erzählt von seinem Clan. »Ein König diskutiert nicht, sondern er befiehlt«, seufzt er. »Diskutieren habe ich in Deutschland gelernt.«