Migrantenkinder auf den Vorstandsetagen deutscher Dax-Konzerne: Noch herrscht da Fehlanzeige. Aber es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch Deutschland nachmacht, was in den USA längst üblich ist. Einige wenige »fremde« Gesichter gibt es bereits ganz oben: Murat Günak ist Chefdesigner bei Volkswagen, der Mann, der für die Deutschen den VW Golf entwirft. Metehan Sen ist Finanzvorstand bei der großen Frankfurter Immobiliengesellschaft Franconofurt.

Die Probleme liegen nicht oben, sie liegen am unteren Rand der Gesellschaft. Unter den Zuwanderern der fünfziger und sechziger Jahre, meist un- und angelernte Arbeiter, wütete die Arbeitslosigkeit besonders früh und besonders stark. Der Väter-Generation folgten im Rahmen des Familiennachzugs Hunderttausende weitere schlecht gebildete Migranten – sie tun es bis heute. Die Folge beschreibt Mehmet Varlik, einer von vier Vorständen beim Pumpenhersteller Putzmeister im schwäbischen Aichtal, ebenso klar wie kritisch: »Viele bildungsferne Migrantenfamilien lassen sich nicht auf die Gesellschaft ein. Sie haben kein Interesse an Integration. Sie motivieren und fördern ihre Kinder zu wenig.«

Unmotivierte Kinder scheitern an den Schulen. Aber das tun auch Söhne und Töchter aus ungenügend gebildeten und damit von Arbeitslosigkeit besonders betroffenen deutschen Familien. Die Probleme mancher Migranten seien vergleichbar mit denen von Deutschen aus der Unterschicht, weil hier wie dort die Lebenslage von der sozialen Stellung und den beruflichen Perspektiven abhänge, schreibt der Deutsche Gewerkschaftsbund in einem Papier zur Migration und Integration.

Berufliche Perspektiven gibt es nur durch Bildung und Ausbildung. Doch da sieht es für Jugendliche aus Einwandererfamilien immer schlechter aus. Der Anteil von Migrantenkindern an allen Lehrlingen etwa ist seit 1995 von 8 auf heute 4,4 Prozent zurückgegangen. Dabei war die Ausbildung, so der Osnabrücker Migrationsforscher Bommes, der bislang wichtigste Integrationsmotor in Deutschland. In einer unveröffentlichten Studie für die Essener Ruhrkohle AG, die der ZEIT vorab vorliegt, schreiben Bommes und seine Koautoren, dass selbst Migrantenkinder mit schlechten Schulnoten während der Lehre wieder Selbstvertrauen und Zuversicht in ihre Zukunft fänden. Für ihre Integration sei die Bedeutung einer Lehrstelle mithin »kaum zu überschätzen«.

Deutschland aber redet über die deutsche Sprache als Schlüssel zur Eingliederung. Dahinter steckt der Gedanke, dass es zunächst auf die kulturelle Integration ankommt, der die ökonomische quasi automatisch folgt. »Sicher ist Sprache wichtig«, sagt Michael Vassiliadis dazu. »Die Annahme aber, dass Ausländer, die Deutsch sprechen, allein damit auch Arbeit oder einen Ausbildungsplatz bekommen, ist Unsinn.«

Vassiliadis ist Vorstand bei der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie und gilt als Kandidat für die Nachfolge von IG-BCE-Chef Hubertus Schmoldt. Sein Vater ist Grieche, seine Karriere begann als 16-jähriger Chemielaborant bei Bayer. »Wer früh von Arbeit ausgeschlossen wird«, sagt Vassiliadis, »der wird sich auch nicht integrieren.«

Stolz, ein bisschen Sorge und sehr viel Hoffnung mischen sich, wenn Olga Andevska, Hasan Sahin, Ismail Kaya und Adewale Adekoyeni über ihre Kinder sprechen. Stolz bei Andevska, weil ihre Söhne es geschafft haben. Sorge und Hoffnung bei den drei Männern, weil es Migrantenkindern an den Schulen mitunter nicht leicht gemacht wird – weil sie aber vorwärts kommen sollen. Adekoyenis Tochter Yasmina war Jahrgangsbeste an der Realschule. »Jetzt will ich, dass sie auch das Abitur macht.«