Am Kieler Europaplatz, schräg gegenüber dem Arbeitsamt, lungerten am Montagnachmittag ein paar Punks herum und hörten Musik. Nebenan genossen Flaneure einen letzten sonnigen Herbsttag, und ein ver.di-Gewerkschafter verteilte Handzettel gegen den Sozialabbau. Ungewohnt war, dass auch ein bunt bemalter Infobus am Europaplatz parkte. Dort konnte man sich mit Beratern des österreichischen, französischen und slowenischen Arbeitsamtes über Jobchancen im Ausland unterhalten. »Wir wollen dabei helfen, Deutsche ins Ausland zu vermitteln«, erläuterte Monika Varnhagen, die Direktorin der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) bei der Bundesagentur für Arbeit, die für diese Aktion der Europäischen Kommission nach Kiel gereist war. BILD

Einen großen Ansturm gab es nicht am Europaplatz, aber nach und nach trauten sich ein paar reservierte Norddeutsche in den Bus, steckten Faltblätter ein oder stöberten am Computer in ausländischen Stellenanzeigen. Zwei Programmierer erkundigten sich bei der Vertreterin des slowenischen Arbeitsamtes nach Karrierechancen in der Zwei-Millionen-Republik zwischen Adria und Alpen, interessierten sich aber »auch für Dänemark«. Bäckerei im südaustralischen Hahndorf BILD

Nach Großbritannien – »weil sich da mehr bewegt«

Eine 31-jährige Architektin, die zuletzt unbezahlt in Österreich gearbeitet hatte, wollte nach Großbritannien, »weil sich da mehr bewegt«. Auch wenn das bedeuten mag, dass »ich noch ein paar Jahre weiter aus dem Koffer in Wohngemeinschaften leben werde«, sagte sie. Ein etwa 50-jähriger Einzelhandelskaufmann, der in Deutschland keine Beschäftigung mehr findet, erschien in Schlips und Kragen und betrat den Bus mit den Worten: »Ich will ins Ausland.«

Die Arbeitsvermittlerin Varnhagen sieht diese Entwicklung mit kühlem Blick. »Der Druck steigt einfach«, sagt sie. »Wo Menschen nur noch Arbeitslosengeld II bekommen, wächst die Bereitschaft, sich im Rest Europas umzuschauen.« Darum gelang es der ZAV im vergangenen Jahr mit Roadshows, internationalen Jobmessen und mehreren hundert Beratern, stolze 8500 Deutsche ins Ausland zu vermitteln. »In diesem Jahr werden es noch mal mehr«, sagt Varnhagen. Sie will nun auch erreichen, dass das Abwandern ins Ausland »automatisch« bei der Beratung in den Arbeitsämtern als Möglichkeit angeboten wird. »Freilich ohne dass damit ein Zwang verbunden wäre«, das betont sie sehr.

Die amtliche deutsche Wanderungsstatistik ist dürftig und unpräzise, spricht aber seit einigen Jahren dennoch eine klare Sprache. Im vergangenen Jahr etwa meldeten sich knapp 145000 Deutsche ins Ausland ab, etwa so viele wie in Heidelberg wohnen. Nur 128000 Deutsche kehrten von Auslandsaufenthalten zurück, was einen Nettoverlust von knapp 17000 ergibt.

Das war kein einmaliger Ausreißer. Klammert man die Zuwanderung von Spätaussiedlern aus der Statistik aus, gab es zwischen 1993 und 2005 einen Nettoabfluss von über 300000 Deutschen. Zuwandernde Ausländer machen diesen Verlust zwar mehr als wett – im vergangenen Jahr kamen netto fast 96000 Ausländer ins Land –, aber dafür sterben in Deutschland auch deutlich mehr Leute, als geboren werden. Unterm Strich schrumpft die Gesamtbevölkerung in Deutschland deshalb weiter.