Seine Gegner bezeichnen ihn als arrogant, nennen ihn einen Autokraten und selbstherrlichen Menschen. »Erst komme ich, dann lange nichts, und schließlich sage ich, was gemacht werden muss«, so persifliert ein ehemaliger ranghoher Mitarbeiter seinen letzten Vorgesetzten: Jochen Sanio. Der Chef der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, kurz BaFin, ist Deutschlands oberster Wächter über Banken, Versicherungen und die Kapitalmärkte. Er hat viele Gegner: in den Instituten, die seine Behörde beaufsichtigt. In der Politik, der er zu unabhängig und stark ist. Und natürlich in der BaFin selbst, die er vor viereinhalb Jahren aus drei unabhängigen Aufsichtsbehörden formen musste. Nur einen Vorwurf hört man nicht: dass Sanios Selbstherrlichkeit die Ursache für den Korruptionsskandal sei, der die BaFin in diesen Tagen erschüttert. BILD

Zwar ist der Skandal der Grund, warum der Stuhl des BaFin-Chefs derzeit wackelt und der Verwaltungsrat Sanio auf seiner Sitzung am dieswöchigen Dienstag noch nicht für das Jahr 2005 entlastet hat. Ein Gutachten im Auftrag des Finanzministeriums wirft ihm vor, er habe nicht rechtzeitig und ausreichend die Schwachstellen beseitigt, die das Prüfungsamt des Bundes schon im März 2004 festgestellt hatte. Doch vielen, die über Sanios Zukunft entscheiden, ist durchaus bewusst: Sie müssen abwägen, was ihnen lieber ist. Wollen sie einen Behördenchef, der seinen Laden tadellos führt, oder einen Finanzmarktaufseher, der Krisen geräuschlos bewältigt und im eigenen Haus schon mal etwas übersieht?

So kam es zum Beispiel im Spätherbst des vergangenen Jahres, als das Fortbestehen der Gewerkschaftsbank AHBR auf der Kippe stand. Sie hatte sich mit Zinswetten verspekuliert. Mit einer Bilanzsumme von 80 Milliarden Euro gehörte die Bank zu den fünf größten Pfandbriefbanken im Lande. Ihr Zusammenbruch hätte Schockwellen auf dem europäischen Kapitalmarkt ausgelöst, andere Banken ebenfalls in die Bedrouille gebracht sowie das deutsche Vorzeigeprodukt Pfandbrief in Misskredit.

Vier Wochen lang herrschte Alarmstufe Rot, und Sanio vermittelte zwischen den privaten Großbanken, die die Übergangsliquidität zur Verfügung stellen sollten, den Gewerkschaften als Alteigentümern und dem Finanzinvestor Lone Star. »Dass es am Ende zu einer sanften Landung kam, ist nicht unwesentlich seiner ausgezeichneten Moderation zu verdanken«, sagt heute Norbert Massfeller, der damals die AHBR für die Gewerkschaften an Lone Star verkauft hat. Sanio habe gewusst, was er wolle, gewusst, was machbar sei, und habe das mit Bestimmtheit und Ruhe durchgesetzt.

Das Vier-Augen-Prinzip hat bei den Aufsehern versagt

Fast zur selben Zeit, im Herbst 2005, war es mit der Ruhe bei Michael R. vorbei. Der Bundesrechnungshof, der die BaFin untersuchte, nahm sich seine Abteilung vor. Da ahnte der Leiter des IT-Referates der BaFin, dass nun alles auffliegen würde. In zweieinhalb Jahren hatte er rund vier Millionen Euro unterschlagen. Sein Trick war so einfach wie genial: Bei einem befreundeten Bonner IT-Dienstleister orderte er zum Schein Software-Lizenzen, die keiner brauchte, und Wartungsarbeiten, die nie durchgeführt wurden.

Die Fantasierechnungen des Unternehmers mogelte Michael R. in den Stapel mit korrekten Belegen und zeichnete sie ab. »Wenn meine Unterschrift drunter war, waren meine Leute beruhigt.« Sie quittierten blind, was ihr Chef für korrekt befunden hatte. An Geld fehlte es nicht. Im Gegenteil: Am Jahresende verzeichnete die Abteilung sogar einen Überschuss. Nur einmal erkundigte sich ein Kollege nach der ungewöhnlichen Auftragshäufung an ebenjenen einen Bonner IT-Dienstleister. »Mein Mandant«, sagt der Rechtsanwalt Karl-Christoph Bode, »hat das als eindeutige Aufforderung betrachtet und ihn beteiligt.« Der Mitarbeiter nahm das Geld und schwieg.