Budapest

Die sechs älteren Herren im Café Parlament stecken die Köpfe zusammen und werfen einander bedeutungsschwangere Blicke zu. Ein Hauch von Revolution liegt in der Luft. Vor dem Kaffeehaus, auf dem Kossuth-Platz, werden seit knapp zwei Wochen ohne Pause Fahnen geschwungen und Brandreden gegen die Regierung gehalten. Drinnen basteln die älteren Herren an Resolutionen und einem Systemwechsel, wie sie stolz erklären.

Vor einer Woche konstituierten sie sich offiziell als Ungarisches Nationalkomitee 2006. Seither treten sie als Organisatoren jener Proteste gegen den sozialistischen Regierungschef Ferenc Gyurcsány auf, die seit der Veröffentlichung einer provozierend offenen Rede des Premiers Mitte September das Land in Atem halten. Sie wollen nicht Vertreter einer politischer Partei sein, sie fühlen sich von der Menge legitimiert und sehen sich als Erben jenes Nationalkomitees, das im Oktober 1956 den Aufstand gegen die kommunistische Alleinherrschaft führte. Um dem Phänomen Gyurcsány ein Ende zu machen, will das Nationalkomitee 2006 am runden Tisch eine neue Verfassung ausarbeiten und darin die Ideale der historischen Stephanskrone verankern. Was damit genau gemeint ist, können die Organisatoren nicht sagen. Es hat etwas mit der ungarischen Seele zu tun und mit Selbstfindung der Nation.

Andere Teilnehmer wissen genauer, was sie wollen: Die nationalistische Gruppe 64 Komitate wünscht die Verschiebung der ungarischen Staatsgrenze: Alle Gebiete, die 1920 durch den Vertrag von Trianon an die Nachbarstaaten fielen, sollen wieder heim in ein großungarisches Reich. Die rechtsradikale Jugendorganisation Jobbik will echte Ungarn vor sozialistischen Landesverrätern schützen. Antisemitismus ist nicht verpönt, Fußball-Hooligans beschimpfen Polizisten als Judenschweine.

Es sind nicht nur Revolutionsromantiker und Skinheads, die jeden Abend zum Parlament in Budapest kommen und den Rückritt der Regierung fordern: Studenten protestieren gegen die Einführung von Studiengebühren, junge Familien gegen die Erhöhung der Mehrwertsteuer, Kleinunternehmer gegen die ausufernde Bürokratie. Aber sie finden nichts dabei, an der Seite der Rechtsradikalen zu stehen. Wir sind doch alle Ungarn, sagt eine junge Heilpädagogin.

Ungarische Solidarität: Dieses Schlagwort hat jemand geprägt, der an den Kundgebungen zwar nie persönlich teilnimmt, aber doch irgendwie stets präsent ist. Der 43-jährige Oppositionspolitiker Viktor Orbán kann die Proteste nicht offensiv unterstützen, schließlich sollen sie den Schein der Überparteilichkeit wahren. Anderseits ist es für den Vorsitzenden der konservativen Jungdemokraten (Fidesz) vielleicht die letzte Chance, die verhassten Sozialisten von der Regierung zu vertreiben.

Orbán hat eine beachtliche Karriere hinter sich. Mit 26 Jahren war er der Jungstar der Dissidenten, mit 35 wurde er Ministerpräsident einer konservativen Koalitionsregierung. Vier Jahre später jedoch wandten sich die Ungarn enttäuscht von Fidesz ab und gaben ihre Stimmen den ehemaligen Kommunisten, die sich in Sozialistische Partei Ungarns (MSZP) umbenannt hatten.