Im größtenteils noch gut brauchbaren DDR-Kinderlexikon Von Anton bis Zylinder, einem Standardwerk der siebziger Jahre, wird Hanns Eisler (1898–1962) seltsam distanziert gewürdigt: "Hanns Eisler war ein bedeutender Komponist unserer Zeit. Er stammte aus einer Gelehrtenfamilie, schloss sich den Arbeitern an und komponierte viele ihrer Kampflieder." Enthusiastischer klang da der Kollege Heiner Goebbels; er nannte ein paar Jahre später in Frankfurt (West) aus Verehrung seine erste Platte Vier Fäuste für Hanns Eisler. Aber so richtig durchsetzen ließ sich Eisler trotzdem nicht.

Schon Arnold Schönberg bekam seine Schwierigkeiten mit dem in Leipzig geborenen, hoch begabten Eisler, der für die Rote Fahne schrieb und – in den zwanziger Jahren – unter anderem das Kominternlied komponierte, ehe er die gescheiteren Gedichte von Brecht für seine Lieder entdeckte. Erst stritten sich Lehrer und Schüler, dann aber verhalf Schönberg Eisler zu Aufträgen. So entstanden Filmmusiken wie Kuhle Wampe und, in der Emigration, wegweisende Werke wie das Hollywooder Liederbuch. Mit dem Widerspruch zwischen seinen eigenen intellektuellen Ansprüchen und der biederen Kunstgewerblichkeitslinie der SED wurde der Rückkehrer Eisler konfrontiert, als er 1949 zu Goethes 200. Geburtstag einer Rhapsodie ausgerechnet den inkommensurablen Faust II zugrunde legte (später zog Ulbricht persönlich ein von Eisler gefertigtes Libretto für eine Faust-Oper aus dem Verkehr). Andererseits war Eisler nahezu unantastbar: Er schenkte der DDR eine der schönsten Hymnen der Welt.

Solche Töne rechnete ihm die Führung der Partei hoch an und ermöglichte 1959 in der Berliner Staatsoper die Uraufführung der Deutschen Sinfonie. Da zog Eisler Bilanz und alle Register seiner Kunst. Konzipiert wurde die Deutsche Sinfonie bereits in den dreißiger Jahren. Zwei Sätze wurden 1937, obwohl in Paris prämiert, aufgrund von Hasenfüßigkeit der Jury gegenüber Hitler dann doch nicht aufgeführt. Eisler bleibt über Jahrzehnte an seinen Grundeinfall gekettet, "Trauer ohne Sentimentalität und Kampf ohne Militärmusik" schreiben zu wollen. Vom Präludium bis zum Epilog entstehen elf Abschnitte, in denen sich echter und auf die Füße gestellter Schönberg, reiner Bach, große Chorpartien und sinfonische Schmerzensschreie handwerklich erstklassig instrumentiert abwechseln: Aufschwung und Optimismus in der Musik, schreibt Eisler, könnten nur "in Gegensatz zu tiefster Verzweiflung gestellt werden" – Ignazio Silone und Brecht liefern die Textgrundlagen.

Hier hat man den ganzen Eisler in der Nussschale und ein halbes Jahrhundert dazu, politisch wie musikalisch. Schließlich wird es sogar noch persönlich: Wie man hören kann, versöhnt sich Eisler mit Schönberg: Ein Mann der Massen wird er nicht.

Hanns Eisler: Deutsche Sinfonie op. 50, Lothar Zagrosek dirigiert das Gewandhausorchester Leipzig, Ernst Senff Chor, Berlin (Decca 448 389-2)