Wo ist der Leopard? Im Glossar des Begleithefts findet sich kein Eintrag unter L, das Museumspersonal muss bedauernd passen. Leider ist auch der Katalog noch nicht erschienen. Und so bleibt der Besucher ganz allein mit dem, was sich auf dem kleinen Flachbildschirm im dritten Stock des Frankfurter Museums für Moderne Kunst abspielt. Sind es Samenzellen, die sich da mikroskopisch vergrößert tummeln? Was hat die Großkatze damit zu tun? Ist die Aufnahme vielleicht nur das letzte Glied irgendeiner verrückten Versuchsanordnung? Der Verdacht liegt nahe. Dreht sich der Besucher nämlich um, steht er vor einer Kerze, die vollkommen gewöhnlich wirkt, von der es aber im Glossar des Ausstellungsbegleiters heißt, sie wäre aus dem Wachs der Unterseite einer Unzahl von Langlaufskiern gewonnen worden, mit denen Besucher der Londoner Serpentine Gallery im letzten Winter auf einer Loipe vom königlichen Park bis in die Ausstellungsräume fuhren.

Alltagsgegenstände mit verrückten Geschichten, absurde Bauten mit nüchternem Namen, Werktitel ohne Werk willkommen im Kunst-Labor des Andreas Slominski. Wie auf einer Schnitzeljagd stromert der Besucher der bislang größten Ausstellung des Hamburger Künstlers durch die spektakulär verwinkelten Innenräume des Museums, ebenjenes kleine Heftchen mit fehlendem Leoparden-Eintrag im Anschlag, blätternd, schmunzelnd, grübelnd ob der absurden Offenbarungen der Slominski-Objekte, die da und dort aus der bestehenden Museumssammlung auftauchen.

Da warten lauter Kunstköder auf den Besucher und eine Regenwurmfalle

Slominski wurde bekannt als technisch versierter Konzeptkünstler, der mit nachgebauten Tierfallen das Prinzip des Duchampschen Readymade revolutionierte. Seine Fangapparate sind voll funktionstüchtig und dennoch nur für den Ausstellungsbetrieb gedacht. Als Objekte also nachgebaut und nicht vorgefunden, wie es Duchamps klassischer Ansatz vorsieht. Was passiert nun in der Wahrnehmung dieser nachgeholfenen Readymades? Wird der Kunstcharakter dadurch beschädigt? Oder kommt es zu einer ästhetischen Aufwertung der gezeigten Dinge im Alltag?

Wer in Frankfurt über solche Fragen nachsinnen möchte, hat zwar leider keine Slominskischen Fangkonstruktionen zur Verfügung. Von all den Reusensystemen, Schnappmechanismen und Käfigarrangements ist so gut wie nichts zu sehen. Nur eine winzige Spezial-Regenwurmfalle hat sich in die Ausstellung verirrt, wohl eher als zarter Verweis auf eine ausgesparte Werkgruppe denn als wahrnehmungsphilosophische Provokation gedacht.

Statt der Fallen finden sich dafür umso mehr Kunstköder, die den Slominski-Effekt mindestens ebenso nachhaltig entfalten. Wie etwa die maßstabsgetreue Dachkonstruktion mit Namen Wo sind die Skier?. Die gewaltigen, goldbraun versiegelten Holzstreben und das schwarze Schieferdach, die im Stadtbild zu vertraut sind, um uns in ihrer ästhetischen Qualität noch aufzufallen, können sich hier in ihrer formvollendeten Schönheit präsentieren. Und vielleicht sogar neugierig machen auf die geheime Kunst der Dachdeckerei, die so wundervolle Techniken wie die Schuppen-Schablonen-Deckung entwickelt hat, wie man aus dem Ausstellungs-Booklet erfährt.

Slominskis Objekte schärfen den Blick fürs Alltägliche, machen neugierig auf die Geschichte von Dingen. Denn jedes Objekt, so erzählen es seine Arrangements, auch das alltäglichste, ist nicht einfach nur nichtssagender Gebrauchsgegenstand mit banaler Oberfläche, sondern ein komplexes Gebilde aus Kultur- und Technikgeschichte.