Kanzler, egal ob sie einer großen oder kleinen Koalition vorstehen, sitzen immer in einer Zwickmühle. Dabei spielt es weniger eine Rolle, wie die Machtpotenziale verteilt sind, sondern wie die Parteigremien sich verhalten. Und es ist nicht nur ein Machtkampf um der Sache willen, sondern hauptsächlich um die Profilierung der Protagonisten aus der eigenen Partei in diesem Machtpoker. Es ist geradezu ein Paradoxon, dass ausgerechnet in dieser Großen Koalition von CDU/CSU und SPD mit der Mehrheit der von CDU/CSU dominierten Bundesländer die CDU-Kanzlerin mehr den Druck ihrer eigenen Parteifreunde zu fürchten hat als der frühere Bundeskanzler Schröder die damalige Majorität der CDU/CSU-geführten Bundesländer.

So gesehen ist es gar nicht verwunderlich, wenn Frau Merkel umso gefährdeter ist, je mehr sie dem Koalitionspartner entgegenkommt. Sie hat immer die Dolchspitze ihrer Diadochen im Rücken. Ihre Kanzlerschaft, die großen Reformvorhaben, insbesondere die Gesundheitsreform, und der Bestand dieser Großen Koalition sind dadurch begrenzt.

Hans Jacobsen, Westerholz