Start frei im Sumpf

Wenn an diesem Donnerstag der neue Flughafen von Bangkok eröffnet wird, ist sein stärkster Förderer nicht dabei. Thaksin Shinawatra, bis vergangene Woche thailändischer Regierungschef, hatte den Flughafen zu seinem Prestigeobjekt gemacht. Vor zwei Jahren war sich der Multimilliardär nicht einmal zu schade, seine klimatisierte Luxusresidenz für eine Nacht gegen ein Militärzelt auf dem Baugelände einzutauschen. Mit dem halben Kabinett hielt er im Sumpf voller Moskitos vor den Toren der Hauptstadt ein Protest-Camp ab. Die Botschaft war klar: Er dulde keine weiteren Verzögerungen mehr. BILD

Die Planungen hatten schon 1960 begonnen. Doch regelmäßige Militärputsche, Regierungs- und Wirtschaftskrisen, ineffiziente Behörden und Korruptionsskandale machten daraus das »am längsten dauernde Flughafenprojekt der Welt«, wie die betreibende thailändische Behörde AOT einräumt. Daran war Thaksin aber nicht unbeteiligt. Das Geflecht seiner Firmen bildet einen Teil des Dickichts aus Eigennutz und Korruption, das den Flughafenbau von jeher behinderte. Nun ist die Entstehungsphase des 3,8-Milliarden-Dollar-Projekts beendet und die Ära des Regierungschefs auch. Das Militär hat ihn abgesetzt, der größte und wichtigste Flughafen Südostasiens eröffnet ohne ihn.

Dafür wird Peter Trautmann mittendrin sein, im ehemaligen Feuchtgebiet Nong Ngu Hao, zu deutsch Kobra-Sumpf. Inzwischen heißt das 3200 Hektar große Areal 32 Kilometer östlich der Hauptstadt Suvarnabhumi oder »Goldenes Land«, von König Bhumibol persönlich umgetauft. Peter Trautmann wirkt mit seinem grauen, ungestümen Haarkranz ein wenig wie ein Dirigent. Da scheint es nur passend, wenn er sich selbst einen »Taktgeber« nennt. Der 66-jährige Bayer ist einer der Geschäftsführer des Münchner Flughafens, der 1992 erfolgreich von Riem ins Erdinger Moos verlegt wurde. Darum sind die Münchner als Berater bei ähnlichen Projekten gefragt. Insgesamt 16 Münchner Experten beschäftigen sich seit August 2004 mit den Vorbereitungen für den Flughafenumzug in Bangkok.

»Bangkok ist schon eine gigantische Sache« , sagt Trautmann. Immerhin fertigt der alte Don-Muang-Flughafen heute schon rund 39 Millionen Passagiere pro Jahr ab, in München waren es 1992 gerade zwölf Millionen. Doch Trautmann sieht dem Umzug gelassen entgegen. Er wird in der Nacht zum 28. September seinen Höhepunkt erreichen, wenn Hunderte von Tiefladern alle zur Flugabfertigung nötigen Gerätschaften vom Gepäckwagen bis zur Fluggasttreppe über abgesperrte Autobahnen von Don Muang nach Suvarnabhumi expedieren. »Der Elefant läuft und ist durch nichts zu stoppen – auch nicht durch einen Militärputsch«, sagt Trautmann.

Die massiven Vorwürfe gegen viele am Projekt beteiligte Firmen und Behörden sind bis zuletzt nicht verstummt. So soll der Erbauer des Belüftungssystems zuvor Inhaber eines Massagesalons gewesen sein. Thaksins Frau soll für die Hotellizenz auf dem Flughafen ein Schmiergeld von 1,6 Millionen Euro verlangt haben. Der größte Skandal rankte sich um die Anschaffung der Röntgengeräte für die Gepäckdurchleuchtung. Der amerikanische Lieferant musste einer einheimischen Vermittlerfirma Schmiergeld zahlen. Der Deal flog auf und kostete vergangenes Jahr den thailändischen Verkehrsminister sein Amt. »Das Hickhack und der verspätete Einbau der Geräte hat auch die Umsetzung vieler anderer Dinge in Suvarnabhumi verzögert«, sagt Peter Trautmann. »Hier haben alle Dollarzeichen in den Augen, aber wir halten uns da raus.«

Mit dem neuen Flughafen kann sich Bangkok auch in Service und Kapazität mit den regionalen Drehkreuzen Singapur und Kuala Lumpur messen. Den Fluggastzahlen nach hat es sie dank seiner geografischen Lage, eines starken Heimatmarktes und seiner Nachfrage als Reiseziel schon überholt. Beinahe wäre der Neubau noch zu klein ausgefallen. In nur zwei Jahren steigerte sich die Zahl der Passagiere um 10 Millionen auf zuletzt fast 40 Millionen.

Diese Entwicklung spiegelt auch die Zuwächse im landesweiten Tourismus wider. Die Zahl der internationalen Besucher stieg in den letzten Monaten erheblich an. 13,8 Millionen ausländische Touristen werden bis zum Jahresende erwartet. Rund 40 Prozent kommen aus Übersee, fast alle fliegen über Bangkok ein. Der Tsunami scheint vergessen, die jüngsten Terroranschläge im Süden bei Hat Yai und der Militärputsch der vergangenen Woche haben bisher nicht zu spürbaren Einbrüchen geführt. Gut also, dass sich die Thais vor einigen Jahren von der Linienflieger-Vereinigung IATA überzeugen ließen, statt einer gleich zwei Bahnen zu bauen und statt Gebäuden für 30 Millionen Nutzer pro Jahr lieber Kapazitäten für 45 Millionen Passagiere jährlich zu schaffen.

Start frei im Sumpf

»Jetzt müssen wir schauen, dass Suvarnabhumi auf Dauer das Drehkreuz in dieser Gegend bleibt«, sagt Srisook Chandrangsu, der Chef der Flughafenbehörde. Dabei helfe die liberale thailändische Luftfahrtpolitik, die mit Ländern wie den USA, China und vielen Staaten im Nahen Osten den offenen Himmel etabliert habe. Das heißt: Fluggesellschaften der USA et cetera dürfen nach Thailand unbegrenzt viele Flüge anbieten und umgekehrt auch. »Mit Deutschland sind wir noch nicht so weit, weil die Lufthansa sich dagegen wehrt«, sagt Chandrangsu. Offenbar fürchtet Lufthansa eine Offensive thailändischer Chartergesellschaften.

Da man damit rechnet, dass die momentane Kapazität in Suvarnabhumi bald ausgeschöpft sein wird, werden viele Baumaschinen gar nicht erst abgezogen, sondern gleich für den weiteren Ausbau eingesetzt. Eine dritte Start- und Landebahn sowie ein Satellitengebäude des Terminals sollen 2010 fertig sein. Doch bereits jetzt kann der neue Flughafen mit einigen Superlativen aufwarten: Hier ragt mit 132 Metern der höchste Kontrollturm der Welt in den Himmel (»ein Meter mehr als in Kuala Lumpur«, sagt Chandrangsu stolz), und die Passagierbereiche sind mit 563000 Quadratmetern Fläche die größten unter einem Dach weltweit.

Die Anlage des Flughafens ist recht einfach: An das zentrale, siebenstöckige Terminal schließen sich in Form zweier überdimensionaler Kreuze die so genannten Concourses mit insgesamt 51 gebäudenahen Flugzeugpositionen an, weitere 69 Abstellplätze liegen abseits des Terminals. Damit wird allerdings der von Don Muang gewohnte Bustransfer zum Flugzeug für viele Passagiere auch in Suvarnabhumi Alltag bleiben. Die lang gestreckten, vom deutschen Architekten Helmut Jahn entworfenen und in sanftes Licht getauchten Abfertigungsbereiche sehen aus wie riesige Raupen, die Dächer sind v-förmig abwechselnd aus Stahl und Glas sowie einer weißen, transparenten Fiberglasmembran gefertigt. Mehr als andere asiatische Mega-Airports bietet Bangkok bei aller Modernität auch asiatisches Flair. Auf dem Weg zum Flugzeug kommt der Reisende an Pagoden und Buddhastatuen vorbei, an üppigen Einkaufsflächen mit einheimischen Produkten vom Thai-Curry bis zum Massageöl und frischen Orchideen. Es gibt mehrere Spas, darunter auch eine vom Oriental Hotel betriebene Wohlfühloase. Kein Vergleich zum engen, dunklen und zehnmal kleineren Flughafen in Don Muang.

Zum Wohlfühlen gehört aber vor allem ein reibungsloser Ablauf. Wochenlang haben Tausende Testpassagiere den Flughafen auf die Probe gestellt. »Doch es gibt immer Unvorhersehbares«, warnt Peter Trautmann. Die Bangkok Post hat mögliche Problemquellen für die Tage nach dem Umzug zusammengestellt. Klappt die Busanreise aus der Innenstadt (die geplante Schnellbahn ist erst 2007 fertig)? Ist ausreichend Personal für den Check-in geschult? Arbeitet die zentrale Gepäckdurchleuchtung effizient genug? Wird der glatte Marmorfußboden im Terminal zu Stürzen führen? Die volle Alltagsbelastung lässt sich im Vorhinein nicht wirklich simulieren. »Zu 75 Prozent glaube ich, dass alles gut geht«, sagt Peter Trautmann und versichert: »Zumindest technisch funktionieren alle Anlagen einwandfrei.«