Der junge Mann steht auf der Straße, hinter ihm die Straßenschlucht einer amerikanischen Großstadt, in seinen Händen ein Stück Pappe, auf dem man Wörter wie krank oder obdachlos erwartet. Doch da steht etwas ganz anderes: Die Zahl der Postdocs hat sich verdoppelt. Ein Jungforscher als Bettler, und das im Uni-Wunderland USA so drastisch bebildert die Zeitschrift The Scientist das Thema Forschungselite in ihrer September-Ausgabe. Dazu titelt das Fachblatt für Lebenswissenschaften: Bilden wir zu viele Wissenschaftler aus?

Offenbar stellen sich diese Frage gegenwärtig viele junge Biowissenschaftler. Die Chancen auf eine Dauerstelle in der Wissenschaft seien deutlich geringer als vor zehn Jahren, schreibt der Scientist, das Angebot an Forschern sei in den USA stetig gestiegen, die Nachfrage jedoch nicht mitgewachsen - selbst gute Kräfte kämen nicht in der Wissenschaft unter, Postdocs seien immer frustrierter.

Das Leiden der jungen Forscher existiert schon länger. Zum Jahrtausendwechsel fragte eine Fachzeitung für Biochemie: Produzieren unsere Universitäten zu viele PhDs?, 2005 diagnostizierte Nature postdoc-problems, der Chronicle of Higher Education schrieb kürzlich, dass selbst guten Postdocs schlimme Dinge geschehen.

Man mag die laue Lage als Konsequenz eines typischen Schweinezyklus sehen erst jazzten Medien und Politik die Lebenswissenschaften hoch, dann schwemmten Studenten ein, jetzt fehlen dem Nachwuchs die passenden Jobs.

Doch es geht um mehr: Das Wehklagen erschüttert die Theorie, nach der die exzellenten US-Unis gute Wissenschaftler magisch anziehen und ihnen Jobs und Ehre bieten. Kürzlich erst hatte der Hochschulforscher Ulrich Teichler attestiert, dass es in Deutschland ein völlig schiefes Bild von den amerikanischen Unis gebe (ZEIT Nr. 37/06).

Jungwissenschaftler, zeigt eine 115-seitige Studie Teichlers, können in den USA nicht schneller aufsteigen als in Deutschland: Sie würden genauso selektiv ausgewählt, verdienten in Deutschland aber mehr.

Bislang war ein Mantra der bildungspolitischen Diskussion in Deutschland, dass die amerikanischen Unis den hiesigen hoch überlegen sind. Dieses Mantra übertönte stets das Bonmot, dass in den USA nicht nur die 50 besten Universitäten der Welt stehen, sondern auch die 500 schlechtesten. Die neue Diskussion verändert das Selbst- und Weltbild junger Wissenschaftler.