Im Huckelkorb brachten Krenweiber die Stangen nach München

Keine hundert Meter vom Weißen Lamm entfernt, in der Judengasse, befindet sich das Meerrettichmuseum. Eingerichtet hat es Hanns-Thomas Schamel, Enkel des Johann Jakob Schamel, der 1912 erstmals auf die Idee kam, den Hausfrauen das tränentreibende Krenreiben abzunehmen und den mit Essig und Gewürzen versetzten Kren in Gläser abzufüllen.

Schamel leitet mit seinem Bruder die Erste bayerische Meerrettichfabrik und ist, wie er sagt, Marktführer in Deutschland.

Das Museum ist ansprechend gemacht, es erzählt die Geschichte von Kultivierung und Verarbeitung der scharfen Wurzel in Franken, das immer noch das größte Anbaugebiet in Deutschland ist. Hier kann man nachlesen, dass die Schärfe im Kren von den darin enthaltenen ätherischen Senfölen kommt, dass er zweimal so viel Vitamin C wie die Zitrone enthält und wegen seiner keimhemmenden Wirkung ein natürliches Antibiotikum ist. Vor allem im 19. Jahrhundert sind von hier aus über den Ludwig-Main-Donau-Kanal (der später dem Frankenschnellweg weichen musste) die Meerrettichstangen in Fässern bis nach Wien gebracht worden, als unersetzliche Beigabe zum Tafelspitz. Die kleineren Stangen wurden meist von Frauen in Tracht, so genannten Krenweibern, im Huckelkorb nach Nürnberg und München gebracht und dort an Haustüren und auf Märkten feilgeboten. Es gab auch männliche Krenhausierer, die aber die Stangen in einem Zwerchsack über der Schulter trugen. Ein solcher ist im Museum ausgestellt. Er ist blau und aus demselben Denim-Gewebe, aus dem die Jeans gefertigt werden.

Kein Zufall, denn der jüdische Schneider Levi Strauss war vom 15 Kilometer entfernten Buttenheim nach Amerika ausgewandert mit einem reißfesten Stoff im Gepäck, der den Bauern in Franken schon lange diente. Auch in Baiersdorf gab es eine große jüdische Gemeinde, von der heute noch ein großer Friedhof mitten im Ort zeugt.

Die gegenwärtige verfeinerte und durch Süßleckereien verweichlichte Generation muss erst wieder den rechten Geschmack an einer urwüchsigen und kerngesunden Nahrung sich von außen her entdecken lassen, schrieb der Baiersdorfer Stadtarchivar Johannes Bischoff in einer Festschrift im Jahr 1953. Schon damals scheint die scharfe Wurzel nicht gerade ein kulinarischer Dauerbrenner gewesen zu sein. Seitdem ist es kaum besser geworden, und so muss sich schon was einfallen lassen, wer damit Kundschaft anziehen möchte.

Der Wirt zum Roten Ochs hat das Meerretticheis erfunden