Disco ist ein ebenso nostalgischer wie zählebiger Begriff. Er bezeichnet eine musikalische Reise in jene Zeiten, als das Tanzen endgültig Einzelkampf wurde und Kreativität endlos duplizierbar in unsere Gegenwart. Schließlich ist Disco damals wie heute überall dort, wo das Unbekannte sonderbar vertraut klingt. Cassius machen Disco, Musik für Tanzflächen, die im Idealfall bunt unter den Sohlen blinken und die Spiegelkugeln darüber anstrahlen. Und sie wirken dabei niemals gestrig.

Seit 1991 fabriziert der Pariser Star-DJ Philippe Zdar Cerboneschi mit seinem kongenialen Partner Hubert Boombass Blanc-Francard elektronische Musik in all ihren Facetten. Als sich die beiden Franzosen vor sieben Jahren Cassius nannten, fanden sie offenbar ihre abschließende Bestimmung: die totale Gemengelage, featuring alternde Discoqueens, französische Rapper, amerikanische HipHopper und internationale Techno-Größen.

Schon die ersten beiden Platten, 1999 und Au Rêve, waren Sammelsurien digitaler Querverweise und analoger Leihgaben. Mit ihrem dritten Album, 15 Again, mischen sie den weitläufigen Dance-Sektor auf wie kaum jemand zuvor. Anything goes, Disco eben. Mit diesem brillanten Neuling werden Cassius für den House endgültig das, was Ween im Rock sind: die ganz großen Vereiniger. Notorische Tüftler, sprühende Fantasten, unbändige Spaßmusiker, konventionslose Zitierer. Cassius legen einfach unter die Goa-artige Techno-Dauerschleife Cactus eine Seventies-Highhat und machen mit ihr Disco-Funk. Sie transponieren Curtis Mayfield auf dem treibenden Eye Water ins neue Jahrtausend und machen aus ihm Disco-House. Sie mixen klatschende Hände in schrille E-Gitarren-Soli des Openers Toop Toop und machen daraus Disco-Rock.

Sie fummeln Atari-Samples unter den Beyoncéesken Titelsong 15 Again und machen damit Disco-RnB. Jedes Stück könnte eine neue Richtung anzeigen, weist aber nur zur nächsten Sollbruchstelle.

Das wahrhaft demokratische Vergnügen Disco, wie ein Kritiker anlässlich von Madonnas letztjähriger Abba-Übernahme schrieb, ist die einzige Stilrichtung des Pop, die keines Revivals bedarf, um erneuert zu werden. Weil sie immer da ist, wo wir allein unter vielen tanzen wollen. Egal, wie, Hauptsache, Rhythmus, Tempowechsel und reichlich Glitter. Cassius haben das begriffen.

Cassius: 15 Again (Virgin/Mute)