DIE ZEIT: Herr Schmidt, von 1966 bis 1969 regierte in Deutschland schon einmal eine Große Koalition. Sie waren damals Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. Wie groß war seinerzeit das Vertrauen zwischen Union und SPD?

Helmut Schmidt: Die Große Koalition hat einigermaßen ordentlich funktioniert, weil im Parlament auf beiden Seiten das Verantwortungsbewusstsein groß genug war. Schwieriger war es in der Regierung. Das Verhältnis zwischen Kanzler und Vizekanzler, zwischen Kurt Georg Kiesinger und Willy Brandt, wurde zunehmend schlechter. Die redeten zum Schluss kaum noch miteinander.

ZEIT: Welches war der erste große Streit?

Schmidt: Es gab keinen Streit.

ZEIT: Wie bitte?

Schmidt: Es gab in beiden Fraktionen eine Vielfalt von Meinungen, etwa über eine Reform des Wahlrechts oder über die so genannte Notstandsgesetzgebung. Aber der Ausdruck Streit ist falsch. Wir haben uns damals bei Meinungsverschiedenheiten, die von Anfang an bestanden, langsam einander angenähert.

ZEIT: Und die Große Koalition heute – lassen Sie für deren Auftreten den Ausdruck Streit gelten?