Dem reduktionistischen Ansatz stottert seit einigen Jahren der Motor. Allenthalben werden in der Naturwissenschaft neue, umfassendere Blickwinkel propagiert, Interdisziplinarität ist in aller Munde. Aber so vorbehaltlos wie in einer von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich getragenen Tagung der besonderen Art wird dieser Idee von den Einzelteilen, die nur als Summe, als großes Ganzes, zu begreifen sind, wohl nirgends nachgeforscht. Seit über zwanzig Jahren finden sich im Spätsommer, außerhalb des toskanischen Städtchens Cortona, Natur- und Geisteswissenschaftler, Künstler und Forschende auf vielen anderen Pfaden in einem alten Konventsgebäude zusammen und versuchen eine Woche lang das kühne Experiment der großen Synthese.

Der Versuchsaufbau ist einfach: Man nimmt einen herrlich gelegenen Ort als Reaktor und ein gutes soziales Rührwerk dazu. Als Ingredienzien genügen ein spannendes Thema (dieses Jahr: Zeichen und Symbole) und eine ausgewogene Mischung von Teilnehmern. Dazu kommen gutes Essen und viel Wein als Katalysatoren. Schon kann das Experiment losgehen. Die Initiatoren sehen die Cortona-Woche als komplementäres Ausbildungsangebot zum einseitigen, schulischen Betrieb der Technischen Hochschule. Hier sollen Studenten und Doktoranden das nachholen, was im Hörsaal nicht vermittelt werden kann Kreativität ist ein Schlagwort, Spiritualität ein anderes.

Und so ist am späten Nachmittag, wenn das Trommelseminar läuft, der weitläufige Hotelgarten von afrikanischen Rhythmen erfüllt, in die sich das helle Hämmern aus dem Atelier für Steinbildhauerei mischt.

Wem eher der Sinn nach einem introspektiven Einzelgespräch steht, zieht sich mit der Psychotherapeutin in einen abgelegenen Winkel des Gartens zurück, währenddessen sich in den engen Gassen von Cortona ein Landschaftsarchitekt auf die Suche nach der Leere im Stadtraum macht.

Man lässt sich dabei unter seiner Führung blind in Höfe und über offene Plätze führen, um Architektur einmal nicht nur visuell zu erfahren. Am frühen Morgen wird meditiert, getanzt und gesungen, am späten Abend diskutiert und getrunken, und dazwischen gibt es Vorträge und eine Vielzahl theoretischer und praktischer Workshops im kleinen Rahmen.

Hier kennt die Wissenschaft keine Berührungsängste gegenüber weichen Themen. Die Geschehnisse im Atemseminar, wo die Teilnehmer auf die Hyperventilations-Achterbahn geschickt werden, muten, nüchtern besehen, reichlich versponnen an. Und was einer Theaterschaffenden zum Computerpionier Alan Turing einfällt, ist auch eher konfus. Zumindest in fachlicher Hinsicht.

Der Austausch zwischen Fachleuten verschiedenster Couleur ist entscheidend in Cortona, diskursive Tiefe wird weniger gesucht. Es geht um Grenzerfahrungen sowohl persönlicher als auch fachlicher Art, um einen schwer zu fassenden Spirit, einen Geist der Offenheit und des sich Bescheidens, was die erkenntnistheoretischen Möglichkeiten der eigenen Disziplin angeht. Es gibt Momente, da erinnert das Ganze an ein neureligiöses, hermetisches Kollektiv. Und es gibt andere, da spürt man förmlich, wie einem knorrig gewordenen Wissenschaftsbetrieb in der Sonne der Toskana wieder frische Triebe wachsen.