Neulich in Rom: Ein erboster Kunde beschwert sich bei der italienischen Telefongesellschaft Telecom. Seine Frau habe eine Aufstellung aller Gespräche erhalten, die er in den letzten Wochen mit seinem Handy geführt habe, klagt der Mann. Und wir wissen nicht, wer es war. Es gibt keinen Absender. Zunächst löste die Gesprächsliste nur eine Ehekrise aus, doch dann steigt sie sehr schnell auf und erschüttert die Telecom bis in ihre Führungsspitze. Über Jahre, so ergeben interne Ermittlungen, die bald von der Staatsanwaltschaft fortgeführt werden, haben Angestellte der Telefongesellschaft im Verbund mit Mitarbeitern des Geheimdienstes Hunderte, vielleicht sogar Tausende mehr oder weniger prominenter Bürger illegal abgehört und ausspioniert.

Noch weiß man nicht genau, wen und zu welchem Zweck. Stecken Auftraggeber der Wirtschaft dahinter oder sogar der Politik? Oder ging es den Spionen schlicht um Geld, das sie von ihren Opfern erpressen wollten? Inzwischen wurden 21 Personen festgenommen, darunter der frühere Sicherheitschef der Telecom Italia, Giuliano Tavaroli. Er soll gemeinsam mit einem Privatdetektiv aus Florenz die Verschwörung angeführt haben, in die offenbar Polizisten, Mitarbeiter der Gerichte und Krankenkassen sowie des Innen- und des Justizministeriums involviert waren. Angestellte all dieser Institutionen besorgten Informationen über unbescholtene Bürger, wie beispielsweise den Vorsitzenden der kleinen christdemokratischen Oppositionspartei UDC, Lorenzo Cesa, oder den Mode-Unternehmer Diego Della Valle. Kurzzeitig haben sie auch Marina Berlusconi, die Tochter des Oppositionsführers und Chefin des Unternehmens Fininvest, ausspioniert. Auch der kürzlich zurückgetretene Chef der Telecom Italia, Marco Tronchetti Provera, war angeblich ins Visier der Spione geraten, die gleichzeitig wiederum bei ihm auf der Gehaltsliste standen. Der Fußballklub Inter Mailand soll einen der Drahtzieher des Spionagerings sogar mit der Beschattung eines Schiedsrichters beauftragt haben, der die Konkurrenz von Juventus Turin auffallend zuvorkommend behandelt hatte.

Es sind also wieder alle versammelt der Geheimdienst, die Wirtschaft, der Sport und die Politik. Selbst an der Verschleppung des Mullahs Abu Omar aus Mailand durch die CIA sollen die Telecom-Spione beteiligt gewesen sein sowie an dem nachfolgenden, äußerst mysteriösen Selbstmord eines ehemaligen Mitarbeiters der Telefongesellschaft in Neapel. Ein italienischer Skandal mit allem Drum und Dran also. Es fehlt noch das Motiv, doch die Verschwörungstheorien blühen. Sogar der Grande Vecchio wird wieder heraufbeschworen, jener geheimnisvolle Große Alte, der schon in den siebziger Jahren als Drahtzieher der Skandale und Mysterien Italiens ausfindig gemacht, doch bis heute nicht identifiziert wurde.

Die Abhöraffäre sei ein Angriff auf die Demokratie empörten sich in seltener Einmütigkeit Regierung wie Opposition und verabschiedeten mit vereinten Kräften eine Notverordnung, die Besitz und Veröffentlichung illegaler Abhörprotokolle unter drastische Strafen stellt. Illegal erworbenes Material soll außerdem keine Beweiskraft in Prozessen haben.

Doch um diesen Punkt gibt es innerhalb der Mitte-links-Koalition eine furios ausgetragene Auseinandersetzung. Kontrahenten sind der Minister für Justiz, Clemente Mastella, und sein Amtskollege Antonio Di Pietro, der heute für die Infrastruktur zuständig ist, in den neunziger Jahren aber als Staatsanwalt des Anti-Korruptions-Kommandos Saubere Hände berühmt wurde. Mastella macht eine versöhnliche Politik ganz im Stil der alten Democrazia Cristiana. Auf dunklen Kanälen erlangtes Beweismaterial gehört in den Papierkorb, nicht in den Gerichtssaal, findet er und erwies sich als treibende Kraft hinter der neuen Notverordnung. Genauso leutselig gab der Justizminister sich auch, als er im Juli eine Gefangenenamnestie durchsetzte, die zur vorzeitigen Entlassung Tausender Kleinkrimineller aus den überfüllten Gefängnissen führte. Allerdings musste er dafür heftige Kritik einstecken. Allzu viele der von Mastella Begnadigten sind schon wieder rückfällig geworden und deshalb erneut hinter Gittern.

Antonio Di Pietro hingegen gilt als großer Aufräumer. Er beklagt, dass die von ihm geführte Operation Saubere Hände nicht zu einer wirklichen Erneuerung geführt habe. Tatsächlich steht Italien in den internationalen Korruptionsstatistiken wieder an vorderer Stelle. Die italienische Justiz ist nach wie vor die langsamste Europas die Verantwortlichen für Wirtschafts- und Bestechungsdelikte entgehen oftmals der Bestrafung, weil sie nach der langen Prozessdauer von den Verjährungsfristen profitieren können. Eine solche Justiz könne nicht a priori auf Beweismaterial verzichten auch nicht, wenn es durch illegales Abhören erworben sei, meint Di Pietro: Das wäre verfassungswidrig.

Doch Regierungschef Romano Prodi lehnt es ab, die Notverordnung zu ändern. Innerhalb von drei Monaten muss das Dekret indes in ein Gesetz umgewandelt werden, dann wird es im Parlament zu harten Debatten kommen. Vordergründig geht es um den Spionageskandal, in Wirklichkeit aber geht es wieder einmal ums Ganze. Erst durch die illegale Veröffentlichung von Abhörprotokollen der Staatsanwaltschaft haben die Italiener in diesem Jahr von den haarsträubendsten Machenschaften erfahren vom Betrug krimineller Bankiers an ihren Kunden, vom abgekarteten Spiel im Profifußball, von sexueller Nötigung im Staatsfernsehen RAI, sogar von dunklen Geschäften in der Königsfamilie Savoyen. Wenn Justiz und Presse als Kontrollorgane versagen, schlägt eben die Stunde der Spione.