Frieder Jacobi, der Zimmermannsmeister, geprägt und bewegt von den Idealen der gescheiterten 48er-Revolution, sitzt abends am Küchentisch, schmaucht die Pfeife und liest seine Zeitung, den Social-Demokraten. Sohn August aber, Gymnasiast, 19 Jahre, steht andächtig inmitten einer national gesinnten Menge vor dem königlichen Palais Unter den Linden. Bei Wilhelm brennt noch Licht! Hochrufe, Gesänge, wenn der König sich zeigt und ihnen huldvoll zuwinkt. Bismarck und Moltke sind bei ihm. Frankreich hat die Mobilmachung befohlen. Welche Antwort werden die drei finden? Bewegt schleicht sich August Jacobi nach Haus, kassiert vom Vater gleich eine hämische Bemerkung über Wilhelm, den »Kartätschenprinz«, und schon entbrennt eine heftige politische Diskussion, eine »Krieg-in-Sicht-Krise« am Küchentisch.

Nationale Begeisterung und blutiges Metzgerhandwerk

Fast zehn Jahre ist es her, da erschien Klaus Kordons Roman 1848 – Die Geschichte von Jette und Frieder, eine Familiengeschichte rund um die Märzrevolution in Berlin. Nach dem Krokodil im Nacken, seiner hoch gelobten autobiografischen Innenansicht der DDR von 2002, kehrt der Berliner Autor nun ins 19. Jahrhundert zurück. Jette und Frieder Jacobi erleben das Doppeljahr 1870/71, den Krieg gegen Frankreich und den Jubel der Reichsgründung – Kordons Trilogie zur deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts nimmt Form an. Drei Kinder haben sie, August, Rieke und den kleinen Köbbe, und das Motto der Familie gibt den Titel des Romans: Fünf Finger hat die Hand .

August Jacobi steht ganz und gar unter dem Einfluss seines Rektors Hertz, dessen Lieblingsschüler er geworden ist und mit dessen Tochter er heimlich innigst angebändelt hat. Rektor Hertz predigt seinen Schülern nationale Begeisterung preußischer Bauart. Mit Erfolg. August fasst einen Entschluss: »Ich muss nicht. Aber ich will!« Der Sohn meldet sich freiwillig zum Kriegsdienst. Familienkrach, Tränen. Hilft alles nichts mehr, Jacobi, August, meldet sich zur Stelle, Chausseestraße, preußische Infanterie. Jetzt führt Kordon seinen Helden in die Schlacht und schont ihn nicht. Im Nahkampf sticht August sein Bajonett in einen Franzosen. Dann den nächsten. Zwei Stunden lang ein »blutiges Metzgerhandwerk«. Der Gymnasiast ist längst desillusioniert. Bei einem Kampf um ein Gehöft verliert er seinen engsten Freund. Er will zurück zur Familie. Doch es geht weiter nach Paris. Die deutschen Truppen belagern die Stadt. August Jacobi findet einen neuen Freund, auf französischer Seite: Yves, den schwer verletzten Kommunarden. Die Bekehrung des August Jacobi mag ein wenig zu abrupt einsetzen, dennoch, dieses Kernstück des Romans ist Kordon durch und durch gelungen. Überzeugend verbindet sich die schonungslose Darstellung des Krieges mit der Schilderung der Ereignisse in Paris, den Tagen der Commune, von denen Yves dem deutschen »Ogyst« erzählt. Kordon lenkt die Aufmerksamkeit auf einen Krieg, der allzu leicht als »notwendiges«, militantes Dekor der Reichsgründung vergessen werden könnte.

Souverän ist Kordons neuer Roman nicht zuletzt im Arrangement der Erzählebenen. Während August vor Paris liegt, gehen die Berliner Geschichten weiter, mit Rieke, mit Köbbe, mit Jette und Frieder. Alle bekommen den Raum, den sie verdienen. Da ist Kordon so gerecht wie großzügig. Nebenfigur ist hier eigentlich niemand. Gekonnt und abwechslungsreich komponiert er seine Szenenfolgen. Obwohl der Roman durchaus Passagen enthält, in denen der historische Stoff die Erzählung dominiert, folgen doch umgehend wieder Episoden von wunderbarer Selbstverständlichkeit. Wenn der kleine Köbbe mit seinen Freunden zwischen den Sandhügeln am Feuerwehrdepot spielt, dann steht der Leser wie im Handumdrehen an Ort und Stelle; Weihnachten bei den Jacobis, als würde man durchs Fenster kucken.

Der kürzeste Reiseweg zur Demokratie führt in die USA

Und dann kommt Besuch aus Amerika. Michael Meinecke, Freund und Mitkämpfer von Frieder aus den Tagen der 48er-Revolution, jetzt Rechtsanwalt, ist in Berlin. Kordon lässt die beiden diskutieren, konträr und spannend. Aber Meinecke sorgt auch für Abschiedsschmerz. Er hat Frieders Sohn angeboten, ihn mit in die USA zu nehmen. Und August lockt die Neue Welt, es ist der kürzeste Reiseweg in die Demokratie. Das gerade gegründete Deutsche Reich ist dem jungen Veteranen zu eng, zu unfrei und schon zu alt. Klaus Kordon hat die ersten Reiserouten für den dritten Jacobi-Band anscheinend schon im Kopf. Reinhard Osteroth