In Ermanglung von Kindern kann es heute passieren, dass im Gedränge der Erwachsenen unter die Füße gerät, wie Kindheit sich anfühlt. Weniger nämlich wie Heiapopeia und süß, sondern oft wie Aua und machtvoll. Es ist eine Landschaft der Extremerlebnisse. Eine überwältigende Erfahrung von Neuem, Rätselhaftem, Undurchdringlichem, Lustvollem, Schrecklichem, nicht selten auch Schmerzhaftem. Das Monster-Buch von Emmanuelle Houdart taucht ein in diese Wildnis von Fremdheit. Erwachsene könnte sie verstören, aber Dreijährige werden das riesenhafte Buch mit unzähmbarer Energie aufklappen und versinken, auch wenn sie es nur halten können, indem sie die Arme gaaaanz lang ausstrecken.

Sie sehen auf der rechten Seite dann Gestalten mit riesigen Köpfen, verkürzten Körpern, grotesken Nasenerkern, Augenschlitzen, aus denen der Schrecken linst. Das ganze Personal ist vertreten: Hexe, Yeti, Skelett, Teufel, schwarzer Mann. Deren Kleider hat die Künstlerin mit überbordender Lust gestaltet, Punkte, Fische, fliegende Insekten, Blumen oder Schafsköpfe daraufgesetzt, Taschen eingearbeitet, aus denen Tiere krabbeln, Werkzeug fällt, Stifte, Tabletten, Bücher. Fingernägel sind heftig lackiert. Rundherum findet sich alles, was für Gänsehaut sorgt – Kröten, Elfen, Schnecken, Feuer, blutende Schlüssel. Ach ja, fast vergessen, alle diese Monster sind krank.

Die Monster rotzen oder schlafwandeln. Leiden an Windpocken, Stinkfüßen, Migräne, an Depression oder der Schlafkrankheit. Natürlich Läuse. Es sind sozusagen Doppelmonster der Kindheit. Das Buch verdichtet sie – und exorziert sie zugleich. Jede linke Seite beschreibt, klärt auf und tröstet. Sortiert: Symptome und Behandlung.

Es sind kurze, poetische Texte, so heftig illustriert, dass einem schwindelt. Beim Kotzen sprudelt all das aus dem Mund, woran sich Kinder überfressen: Puppen, Bonbons, Frösche, Reißzwecken, Burger. Vom Traurigen heißt es: »Wenn er von einer Brücke den Fluss unter sich betrachtet, wird ihm ganz seltsam zumute.« Liebeskummer ist, wenn man statt Blumen nur noch Plastikblumen sieht. Angst ist ähnlich, ein Untier nämlich, das von Fragen entfesselt wird: »Wenn die Welt aufhört, sich zu drehen, falle ich dann ins Leere?«

Wie man unschwer erkennen kann, ist dies auch ein Lehrbuch für Erwachsene, die sich ja nicht selten ebenfalls wie die Kinder fühlen. Hier werden sie zugleich zum Therapeuten erzogen. Was hilft gegen die Übel der Welt? Von wegen Pillen. Eher so: Betupfung mit Marienkäferpipi, was heutzutage zwischen Bottrop und Rosenheim wohl ähnlich selten angewendet wird wie das Summen afrikanischer Wiegenlieder gegen Schlafwandelei. Oder dieses Hausrezept gegen Traurigkeit: Küssen mit Wimpern, mit der Zungenspitze (Kätzchenküsse) und so weiter. Der Fantasie werden die Grenzen genommen. Was dabei herauskommt, ist von einer Farbigkeit, die trunken macht, so viel Schwarzviolettpinkdunkelrot auf jeder Seite, dass man die Augen nicht mehr schließen möchte. Susanne Mayer