Dem Buch geht es wie der Geschichte, die es erzählt: Jeder kennt sie, keiner hat sie gelesen. Walt-Disney-Kinder träumen vielleicht noch vom Glöckchen und den Meerjungfrauen im zauberhaften Zeichentrickfilm Peter Pan, ältere Jugendliche erinnern sich an die Hollywood-Version von Peter Pan mit Mary Martin, Sitzenbleiber verwechseln regelmäßig Captain Hooks Haken mit Kapitän Ahabs Holzbein, während unsere Jüngsten Johnny Depp vor Augen haben, in Finding Neverland, der Geschichte um den Schotten James M. Barrie, den Autor des ungelesenen Kinderbuch-Klassikers. BILD

Der Kindertraum von James M. Barrie bleibt unberührbar: von einem Jungen, der nie älter wird, von einer Insel, auf der Piraten, Indianer, Feen, Meerjungfrauen und die dazugehörigen Abenteuer warten, von Freundschaft, Streit und ewiger Versöhnung, vom Elfenstaub, der fliegen lässt. »Die zweite rechts, und dann immer geradeaus bis zum Morgen« ist die Richtung, in der Nimmerland liegt, erklärt Peter den wohlbehüteten Kindern von Mrs. und Mr. Darling, als er sie dazu überredet, mit ihm durchs Fenster in die ewige Kindheit zu fliegen. Und so laut Nana, das Neufundländer-Kindermädchen, auch bellen mag, Wendy, John und Michael verlassen das Haus, stürzen Mutter und Vater in Trauer und Tränen. Keine Reue, wie James M. Barrie feststellt: »Kinder sind immer bereit, ihre Liebsten zu verlassen, wenn das Neue lockt«, denn sie sind »die herzlosesten Geschöpfe der Welt, aber auch die liebenswertesten«.

Es muss an diesem despektierlichen Tonfall von James M. Barrie (1860 bis 1937) liegen, dass das Buch öfter zitiert als gelesen wurde. Wer sich als Erzähler dauernd einmischt, tadelt oder spöttisch lächelt, der wird als Störenfried gesehen, der nimmt die Handlung nicht ernst genug und sagt dauernd »Als ob«. Er schildert Peter Pan als ein bisschen arrogant, das heißt dumm (»Ich bin die Jugend, ich bin die Freude«), spricht Kapitän James Hook dafür Stil und makellose Umgangsformen zu oder nennt die Indianer ein wenig fett. In spielerischem Tonfall springt er hin und her, die Elfe Tinker Bell ist bei ihm so winzig, dass immer nur ein Gefühl in ihr Platz hat – gut oder böse –, und es ist Wendy, die Peter Pan zum Bleiben verführt, indem sie ihm Geschichten erzählt. Doch das Wunderbare an all dem erzählerischen Hin und Her: Man wartet einfach jede Seite gespannt darauf, dass sich der Theatervorhang aufs Neue hebt.

Was liegt näher in fantasiearmen Zeiten, als dieser großen Als-ob-Geschichte einen Prolog und eine Fortsetzung zu schreiben, zu erzählen, woher sie kamen und was passierte, nachdem Wendy, John und Michael wieder zu Hause waren – ohne Peter Pan. In diesem Falle war der Plan der Buchscouts jedoch kein vom Winde verwehtes Sakrileg, da auch das Original Barries in vielen Vorformen existierte: Die Motive lagen schon in seinen Romanen verstreut, als Bühnenstück wurde es 1904 veröffentlicht, und erst später erzählte er vom Nimmerland in zwei Romanen (1911 und 1915).

»Peter und die Sternenfänger« nennen die beiden amerikanischen Autoren Dave Barry und Ridley Pearson ihre Genesis einer Insel, die jetzt als (deutsches) Niemalsland auf der Karte erscheint. Ein handlungspraller Roman, das sei verraten; was bei Barrie eher gemütvoll-psychologisch fundiert ist – wer nicht von einer Mutter geliebt und gesucht wird, der landet als Asylant in Nimmerland –, wird hier Fantasy-korrekt abgeleitet. Bei Barry/Pearson trifft der Waisenjunge Peter auf die mystische, menschenfreundliche Gilde der Sternenfänger, die den magischen Staub von Sternschnuppen sammeln, um ihn vor Missbrauch durch die Bösen zu schützen. Wer damit übermäßig in Berührung gerät, kann fliegen, schärfer denken, konsequenter handeln, verspürt LSD-artige Glückszustände und verändert seine Zellstruktur: Peter wird nicht mehr älter, Fische verwandeln sich in Fischweibchen und kleine Vögel in Elfen. Da tauchen sprechende Delfine auf, entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte zwischen Peter und Molly, der Sternenfängertochter, kämpfen die Seeräuber unter Kapitän Schwarzbart gegen die kannibalischen Einwohner, die Fremde einem riesigen Krokodil opfern, da wimmelt es von angenehm Unappetitlichem und übelsten Gerüchen – das Drehbuch zum Film lauert abrufbereit um die Ecke.

Es ist nicht zu überlesen, die beiden amerikanischen Autoren und Journalisten schreiben offenbar via E-Mail von Florida nach Idaho ihre Geschichten parallel – hie Peter Pan dort Captain Hook –, bis sie aufeinander treffen zum großen gemeinsamen Showdown. Das führt zu allzu vielen Cliffhangern, ständig wird hin- und hergeschaltet, bis man manchmal leicht ermüdet Peter und Molly im Stich lässt, mit den Bösen sympathisiert und ihnen allen Sternenstaub wünscht. Schade, sind doch viele Passagen witzig (übersetzt) und so handgreiflich schräg, dass Johnny Depps Piratenfilmen der Stoff nicht ausgehen dürfte.

Geraldine McCaughreans Fortsetzung vom »Jungen, der nicht groß werden wollte«, unter dem Titel Peter Pan und der rote Pirat nimmt dagegen den Tonfall des Originals auf. Allein der Anfang ist jedem Fantasy-Sternenzauber überlegen: Die Träume kommen zurück. Jeden Morgen liegen seltsame Dinge in den Betten der Dreißigjährigen, eine Augenklappe, Pistolen, ein Bogen, Blätter oder ein Haken, Strandgut aus Nimmerland. Irgendetwas Schreckliches muss passiert sein, und so treffen sich Wendy, John und die verlorenen Jungen (Wendys Bruder Michael wurde im Krieg getötet) und beschließen, in ihre Kindheit zurückzukehren, tauschen ihren gesunden Menschenverstand gegen »Knallfrösche und Wunderkerzen«. BILD