Jetzt meint vielleicht mancher, den Atlas der Globalisierung kenne oder besitze er schon, und liest hier also nicht weiter, darum ist gleich an den Baron Eduard zu erinnern, der ja in Goethes Wahlverwandtschaften festhielt, vor knapp 200 Jahren schon, heutzutage müsse das Wissen alle fünf Jahre umgeschrieben werden, länger habe es nicht mehr Bestand.

Der neue Atlas der Globalisierung erscheint nun drei Jahre nach seinem Vorgänger und führt in seinen Karten, Statistiken, Grafiken, Analysen eine gründlich veränderte Welt mit ihren ökologischen, ökonomischen, politischen Verflechtungen von Faktoren vor Augen. Der Atlas ist dabei noch besser geworden: durch Selbstkritik, durch das Einfügen von kommentierenden Perspektiven aus aller Welt und durch eine entschiedene Setzung von Prioritäten.

Ignacio Ramonet, Herausgeber jener Monatszeitung Le Monde diplomatique, aus deren Werkstatt auch dieser Atlas stammt, sagt es gleich eingangs: Der Zugriff auf die Welt, der Machtgestus, den jede Karte bedeutet, gehört in die Geschichte des europäischen Zugangs zur Welt, des kriegerischen nicht zuletzt. Und doch, betont Ramonet, ist der Atlas zugleich – guteuropäische Aufklärung – eine Wahrnehmungshilfe: Er macht das Unbekannte erkennbar.

Auch die Kritik von Mark Hertsgaard, dem angesehenen amerikani-schen Journalisten und Ökologie-Experten, hat in der neuen Ausgabe Platz: dass nämlich über den beklemmend düsteren Szenarien, die der Atlas dokumentiert, die Lösungsansätze der weltweit Handelnden zu kurz kommen. Hertsgaard entfaltet also Beispiele wie die klimapolitische Offensive Kaliforniens, um zu zeigen: Es geht auch anders. Klüger.

In der Flut der Daten und Fakten sind die Prioritäten nun klar strukturiert: zuerst – und in Umfang wie Themen angemessen erweitert – die bedrohte Umwelt, dann die neue Geopolitik, das Kapitel über Gewinner und Verlierer, ein regional detailliertes über ungelöste Konflikte vom Nahen Osten über Westafrika bis Afghanistan, zuletzt eins über den Aufstieg Asiens. Der indische Schriftsteller Suketu Mehta fasst diesen vielgesichtigen Aufstieg in zwei prägnante Sätze: »Für London ist es genauso wichtig, Bombay zu verstehen, wie es für Bombay wichtig ist, London zu verstehen. Und sei es nur, weil die nächste Generation der Londoner in Bombay geboren wird.« Dieser Atlas hilft, zu sehen, was die Bewohner der Welt erwartet. Elisabeth von Thadden