Als Kind verliert sie ihr Gehör. Als sie erwachsen wird, stiehlt ein postmoderner Verbrecher ihre Identität. Aber Dana Halter, in Kummer trainiert, lässt sich nicht so einfach aus der Spur drängen. Mit ihrem neuen Boyfriend Bridger, den die taube Schönheit ausgerechnet in der Disco kennen gelernt hat – »er hatte keine Ahnung, dass sie taub war. Denn er war ja auch taub – alle waren taub, jedenfalls bis die Lichter angingen und der DJ das Donnern verstummen ließ« –, macht sie sich auf die Suche nach Dana Halter, dem Überzeugungsbetrüger, der sich, nicht ohne Sinn für kriminelle Ironie, ihres Namens, ihrer Führerschein- und Kreditkartennummern bemächtigt hat, um ein luxuriöses, abstoßend geschmackvolles Leben mit seiner neuen, russischen Freundin an den exklusiveren Plätzen der amerikanischen Westküste zu führen.

So beginnt die Geschichte, und so wächst die Geschichte, so geht sie auch konsequent zu Ende, atemlos, atemberaubend, ein Roadmovie, die etwas ungeschickten Guten auf der Fährte der etwas zu geschickten Bösen, quer durch Amerika, und einem ersten, kleinen Showdown im Westen folgt der zweite, endgültige Showdown im Osten, und dann befinden wir uns bereits jenseits von Seite 300 und müssen kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen, dass T. C. Boyle diesmal einen für seine Begriffe ungemein kurzen Roman abgeliefert hat.

Schade. Wir kennen Boyle als den Epiker von World’s End und Wassermusik, von virtuos geschriebenen, nicht enden wollenden Erzählungslabyrinthen, in denen Tote auferstehen und Wölfe zu Vegetariern werden. Wir kennen Boyle als Märchen erzähler für die Popgeneration, wofür wir ihn lieben, verehren und ganz zu Recht in einem Atemzug mit William Burroughs, Hunter S. Thompson oder Irvine Welsh nennen. Wir schätzen seinen Witz; sein pfauenfederhaftes Assoziationsvermögen. Er hat so viel Humor, dass er notfalls mit Pointen geizen kann, und obwohl – oder weil – T. Coraghessan Boyle nie den wirklich mainstreamigen Mainstream touchierte, wurde er berühmt, ein Star, ein Nutznießer der verschwimmenden Grenzen von Hoch- und Gegenkultur.

Mit Talk Talk hat Boyle seinen ersten Krimi geschrieben. Krimi: kein ideologisches Statement, warum auch, bloß eine literarische Kulturtechnik. Ganz entgegen dem Schein, den er kultiviert, ist Boyle – ein bärtiger Zausel mit Converse-Turnschuhen, der in einer Villa lebt, die einst Frank Lloyd Wright gehörte – ein Virtuose literarischer Handwerkskunst, dazu fleißig und diszipliniert. Er schrieb in den letzten 25 Jahren nicht weniger als 19 Romane, und wer möchte, kann aus diesen Büchern alles Nötige über Dramaturgie, Personenführung und den Rhythmus langer Sätze lernen.

Wenn Boyle für Talk Talk nun die Form des Krimis wählt, hält er sich sklavisch an die Regeln des Genres. Er treibt die Handlung mit der nötigen Tankfüllung Spannung voran – die Beklauten jagen auf eigene Faust den Dieb – und macht bloß wie zufällig links und rechts der Handlung Station, um die Geschichten auszuladen, die er eigentlich loswerden will: die Satire auf das Geschmacksdiktat der gehobenen Milieus an der Westküste; die Karikatur der schreiend komischen Kaste der Computer programmierender Nerds; die schnurgerade Analyse des kommunikationstechnischen Spezialfalls Gehörlosigkeit. »Das passierte, wenn Gehörlose zusammenkamen: Sie redeten, sie redeten unentwegt, sie redeten, wie Bridger jetzt redete, nur mit den Händen. Der Zeigefinger tippte an den Mund, um die Worte zu zeigen, die herauskamen. (…) Kommunikation, das universale Bedürfnis. Information. Zugang. Ein Ausgang aus dem Gefängnis der Stille. Talk Talk – reden, reden, reden.«

Kein Mitleid für niemand, kein Voyeurismus, bloß ein spannungsgetriebener, moderner Gesellschaftsroman: Das Roadmovie mündet in ein Furioso menschlicher Verstrickungen. Das von der Jagd, aber auch von einander erschöpfte Verfolgerpaar stellt den Identitätsräuber am Gartenzaun seiner Mutter, der er, auf deren Wunsch, seine altmodische Geliebte vorstellen möchte. Sie geraten aneinander, Fäuste fliegen, Blut rinnt, die Geschichte löst sich … fast, aber Boyle holt noch einmal Atem, für das allerletzte Furioso. Fein gezeichnete Figuren begeben sich in Stellung: Die komplexe, taube Dana, voller trotziger Energie; ihr loyaler, etwas tapsiger Boyfriend Bridger, der bei allem Einsatz nichts zu gewinnen hat; der smarte, trittsichere Berufsverbrecher Peck, Ex-Dana-Halter, der den drohenden Abschied von seiner gesellschaftlichen Reiseflughöhe um jeden Preis verhindern will.

Drei, zwo, eins, null: Das Ende ist jedenfalls anders. Boyle tut, was wir von ihm erwarten: Er schlägt uns ein Schnippchen, sein Ruf ist gerettet.