Im vierzehnten Stock des Ismat Tower von Bombay (Mumbai) bleibt plötzlich der Lift stehen. Moin, eine Art Geisterbeschwörer, steigt notgedrungen aus und sieht sich unversehens vor einem kleinen Menschenauflauf. Handelsvertreter, Hausbewohner, Verkäufer, Bettler und Boten. Er erinnert sich an die Warnung seines Lehrmeisters: »Wo Menschen sind, da ist immer etwas Schlechtes im Anmarsch.« Dabei hatte doch Nilhofer eben noch einmal Glück gehabt.

Der Bewohner von Apartment 1403, ein Berufsverbrecher, wagte wegen der vielen Menschen auf dem Flur nicht, sie in die Wohnung zu zerren und zu erschießen. Die junge Frau stammt aus dem Slum, der oben auf dem Dach des Hochhauses entstanden ist. Den Dachbewohnern bleibt selbstverständlich die Benutzung des Fahrstuhls versagt. Nilhofer muss die Treppen benutzen. Sie geht von Etage zu Etage und Tür zu Tür, um einen Job zu suchen, als Putzfrau oder Dienstmädchen. Sie kreuzt Lebenswege. Daraus entspringen Geschichten.

In Bombay? Oder Bamberg? Der Unterschied wird auf eine paradoxe Weise (fast) eingeebnet. Das Fremde erscheint trügerisch vertraut. Auch weil die Welt zusammengerückt ist. Wer in Nordengland die Telefonauskunft anruft, wird nach Südindien verbunden. Das Immergleiche hat sich ausgebreitet. Der Rest bleibt Kulisse. So gesehen könnte der »Roman« des jungen Inders Altaf Tyrewala (fast) überall spielen. Hier und da steigen zwar mal scharfe Gerüche auf. Hühner werden geschlachtet. Während sie mit durchschnittenem Hals ausbluten, haben sie, anders als bei uns, noch die Chance, »über den Tod nachzudenken« und so »zur Erkenntnis der Wahrheit zu kommen«. Doch das sind Ausnahmen.

Tyrewala führt uns nämlich menschliche Schicksale vor. Er erzeugt, erzählend, mit erstaunlich geringem Aufwand, einen gewaltigen Sog, in den nicht nur seine Figuren hineingerissen werden, sondern, bereits nach wenigen Abschnitten, auch die (europäischen) Leser seines ersten Romans. Dieses Debüt war in Indien ein beachtlicher Erfolg; gleichzeitig erscheint das Buch nun in den USA, England, Frankreich, Spanien und bei uns.

Der noch nicht einmal dreißigjährige Autor hat einen Blick für die Menschen. Er verzichtet weitgehend aufs Lokalkolorit. Er kommt ohne alle Exotik aus. Dafür präsentiert er uns, zuweilen extrem, verdichtetes Leben. (Einige seiner sentenzhaften Formulierungen erinnern an Botho Strauß, etwa wenn er einen Bettler »am Schmerz seiner eigenen Bedeutungslosigkeit« teilhaben lässt.) Das heißt: Er ruft seine Figuren auf und lässt sie, wie dereinst vielleicht einmal der Schöpfer seine sündigen Kinder vor dem Jüngsten Gericht, aus der unendlichen Reihe der Geschöpfe hervortreten, ihr Sprüchlein aufsagen, also ihr Leben ausbreiten. Dann treten sie wieder zurück und verschwinden, auf immer und ewig.

Der Schweizer Schriftsteller Gerold Späth hatte vor knapp dreißig Jahren in seiner Commedia ein ähnliches Verfahren gewählt. Lebensläufe, scheinbar zusammenhanglos, aneinander gereiht, von den Protagonisten selbst erzählt. Mal an einer Episode aufgehängt, gerafft, mit wenigen Worten einen großen Bogen schlagend, mal scheinbar abschweifend, doch immer prägnant – noch im unscheinbarsten Fragment das Ganze spiegelnd. Späths Epos ließ sich lesen als ein letzter, naturgemäß scheiternder Versuch, die gottlose Welt ästhetisch zu retten. Altaf Tyrewala, der junge Inder, um drei Jahrzehnte weiter und um einige Hoffnungen ärmer, geht entsprechend radikaler vor. Bei Späth waren es die Bewohner eines Ortes, deren Biografien zumindest geografisch und auf diese Weise manchmal auch kausal miteinander verknüpft waren. Bei Tyrewala sind die Protagonisten Inder, größtenteils Einwohner von Bombay, die meist nichts anderes miteinander verbindet als der blanke Zufall, nämlich die Tatsache, dass sie irgendwo und irgendwie, in einer bestimmten Situation ihres Lebens, in aller Regel eben zufällig aufeinander getroffen sind. Auf einem Hochhausflur, in einem Schuhgeschäft, an einem Marktstand, in einer Abtreibungspraxis.

Menschen aus den unterschiedlichsten Klassen, Schichten, Kasten. Sie gehen den unterschiedlichsten Tätigkeiten nach, sind sanftmütig oder gewalttätig, jung oder alt, arm oder, wenn schon nicht reich, zumindest wohlhabend. Sie sind verzweifelt oder voller Hoffnung, Opfer und Täter. Kurz gesagt, es sind Menschen auf ihrem Weg durchs Leben. Das verbindet sie. Und die Tatsache, dass auf verschiedene Weise Religion in ihr Leben hineinspielt.