Als die Big-Wave-Surfer in den fünfziger Jahren nach Hawaii kamen, da hatten sie meistens nur ihr Board dabei, es war ihr einziger Besitz, ihr einziges Glück. Wie es wohl sein mag, in so einem Landstrich aufzuwachsen, der gemeinhin als Paradies gilt? Umgeben von Wasser, Palmen und Strand?

Susanna Moore hat ihre Kindheit und Jugend auf Hawaii verbracht; sie hat einen Roman über die Inseln geschrieben, Abschied vom Haifischgott ; und auch ihre autobiografischen Aufzeichnungen Lichtjahre erzählen nun von dieser Welt, dieser Zeit, als der einsetzende Tourismus und der Flugverkehr zum Festland den Abschied von der Idylle bedeuteten.

Vieles bleibt im Dunkeln in diesen eher fragmentarischen, assoziativ angeordneten Erinnerungen – so auch der Grund für die Umsiedlung oder die näheren Familienverhältnisse (der Tod der Mutter wird mehrfach erwähnt). Zwei Helden sind es, um die herum die kurzen Kapitel gruppiert sind: das Meer, von dem Susanna Moore schreibt, sie habe daran keine erste Erinnerung, »es war immer da, und ich war eins mit ihm«; und die Literatur. Als Achtjährige beginnt Susanna Moore, Bücher zu lesen, zu verschlingen. Wenn ihre Freundinnen zum Baden gehen, verkriecht sie sich in der kleinen Provinzbibliothek, bis die Bestände der Kinderabteilung ausgeschöpft sind und sie sich mit einer Sondergenehmigung aus den Erwachsenenregalen bedienen darf. Und Bücher bleiben für sie der Schlüssel zur Welt.

Streng genommen könnte man Lichtjahre als eine kleine Mogelpackung bezeichnen – nicht einmal ein Drittel der rund 190 Seiten stammen von der Autorin selbst; aufgefüllt wird das Buch durch Auszüge aus Klassikern der Welt- und vor allem der Seefahrerliteratur, Conrad, Melville, Defoe, Darwin, Stevenson, allesamt von Susanna Moore ausgesucht. Doch sind diese Zitate nicht einfach nur Material, um einen kleinen Text zu einem Buch aufzublasen; sie sind vielmehr konstituierend für das Bewusstsein der Heranwachsenden, die sich in verzweifelten Situationen an die Literatur klammert: »Es mag unwahrscheinlich klingen, aber ich kann mich mit großer Klarheit an die Lektüre erinnern. Ich war überwältigt von der Vorstellung des Schiffbruchs. Meine zerrüttete Familie hatte zwar noch nicht gänzlich Schiffbruch erlitten, aber ich vermute, mein Unterbewusstsein war mit am Werk; ich sah ihn kommen.«

Und so gerät Lichtjahre zu einem nach allen Seiten hin funkelnden Werk, das viele Aspekte anreißt, ohne sie platt auszuerzählen. Das Aufwachsen in einer ambivalenten Gesellschaft beispielsweise, von der es heißt, sie sei »hierarchisch, snobistisch und latent rassistisch«; die Fremdheit, die ein solches Umfeld erzeugt; eine materiell abgesicherte Existenz einerseits und die vollkommene Bedürfnislosigkeit andererseits; vor allem aber den Respekt vor den Urgewalten des Meeres. Während eines Weihnachtsausfluges im Boot verlieren die Erwachsenen diesen Respekt, wagen sich weit hinaus und bezahlen beinahe mit ihrem Leben. Die Konsequenz, die das Kind zieht: »Danach war ich stets auf der Hut: nicht vor dem Meer, sondern vor Erwachsenen.«

Im Alter von 18 Jahren verlässt Susanna Moore die Insel, arbeitet als Model und Schauspielerin. Sie ist immer in der Nähe des Wassers geblieben; ihr Verhältnis dazu hat sich allerdings verändert, weil sie sich verändert hat: »Ich bin nicht mehr ohne Furcht. Eine Zeit lang dachte ich, das sei ein Zeichen meiner zunehmenden Weisheit, aber tatsächlich ist es ein Zeichen meiner abnehmenden Kräfte.« Ein hawaiianischer Freund hatte einmal geäußert, die Ureinwohner der Insel bestünden darauf, nicht zur Arbeiterklasse zu gehören – »die Arbeiterklasse wollte Satellitenschüsseln und Motorboote, die Hawaiianer hingegen wollten nichts«. So ähnlich ist es auch hier. Ein kleines, charmantes Buch, das zwei großen Lieben gewidmet ist: der Erinnerung und der Literatur.