Neulich fuhr ich mit dem Zug von Zürich nach Bern und beobachtete ein merkwürdiges japanisches Ehepaar. Vielleicht waren sie auch nicht verheiratet, sondern nur Freunde oder so etwas, obwohl das Verhalten der Frau sehr auf für sie gesicherte Verhältnisse schließen ließ. Sie trat ihn vors Schienbein. Und das nicht nur einmal. Parallel zu den Tritten schimpfte sie auf ihn ein. Als ein Wagen mit Getränken durchkam, musste er einen Kaffee kaufen. Einen. Er bekam keinen. Aber wieder Tritte. Das ging weiter so, bis wir in Bern waren, und weil sie damit gleich nach der Abfahrt begonnen hatte, sprechen wir hier von einer geschlagenen Stunde Tortur mit kleinen, spitzen Schuhen. Das war das eine, was nicht nur mich, sondern alle, die mit den Japanern im Abteil waren, kirre machte. Das andere war, dass er sich nicht wehrte, sich nicht mal beschwerte, er nahm es hin. Einfach so.

Am nächsten Tag saß ich wieder im Zug, jetzt von Zürich nach Wien, und las Blinde Weide, schlafende Frau, das neue Buch von Haruki Murakami. Eine Sammlung von Kurzgeschichten, und was soll ich sagen, plötzlich verstand ich den jungen Japaner , der sich eine Stunde lang treten ließ. Ich ließ es ja auch zu, dass man mich trat. Murakamis Geschichten waren wie spitze kleine Schuhe gegen mein Schienbein, und trotzdem klappte ich das Buch nicht zu. Irgendwas zog mich immer wieder rein. Irgendwas wollte nicht aufgeben zu verstehen, was es da zu verstehen gab. Warum es bei Murakamis Geschichten keine Pointen gibt, zum Beispiel. Das ist ähnlich schmerzhaft wie ein Tritt. Du liest dich auf die Pointe hin, du lässt dich einwickeln, du lässt dich führen, und am Ende zeigt er dir ’ne Nase. Pointen gibt’s heute nicht. Nur ’ne Ahnung davon. Einen fernen Duft. Ein leises Raunen. Ein Geheimnis. Aber was sind Pointen, die geheimnisvoll bleiben? Was ist Erfolg, der nichts bringt? Was nützen Invasionen, die niemanden erledigen? Und die wichtigste Frage: Warum lese ich trotzdem weiter? Warum lasse ich mir das gefallen? Und die Antwort ist: weil Murakami das so will. Weil Murakami zu gut ist, um dich unterwegs zu verlieren. Japaner können nerven, das sag’ ich Ihnen. Es brauchte einen Monat, bevor ich verstand, dass er mit Zeitzünder-Pointen arbeitet. Erst vier Wochen nach der Lektüre begriff ich, was er mir etwa mit dem pointenlosen Ende seiner Geschichte von der »kleinen Kellnerin« (Birthday Girl) sagen wollte. Und natürlich beinhaltet das noch einen größeren Skandal, denn es beweist, dass ich mir vier Wochen lang darüber Gedanken gemacht habe. Nicht durchgehend, aber immer wieder mal. Kleine spitze Schuhe, die gegen mein Schienbein treten, um daran zu erinnern, dass es noch Fragen zu klären gibt. Wie man so etwas nennt? Zen-Buddhismus vielleicht. Die haben auch so kleine, gemeine Geschichten, die keinen Sinn ergeben und einen beschäftigen, bis man sie geknackt hat. Sadismus wäre ebenfalls keine falsche Bezeichnung (»ich mach dich an, aber den Orgasmus verschieben wir ein bisschen, okay?«), letztendlich aber würde ich sagen: Im Zweifel für den Angeklagten. So etwas nennt man Weltliteratur.

Ich will das gern auch erläutern. In der oben erwähnten Geschichte erzählt Murakami von einer jungen Kellnerin, die in einem Restaurant in Tokyo arbeitet, das vornehmlich Künstler als Gäste hat. Jeden Abend, pünktlich um acht, bringt der Oberkellner dem Besitzer des Restaurants das Essen. Der Chef wohnt im selben Haus, nur ein paar Etagen höher, aber sie hat ihn noch nie gesehen. Eines Tages wird der Oberkellner krank, und sie muss das Essen nach oben bringen. Sie trifft einen freundlichen alten Mann, der sie korrekt gekleidet empfängt. Als er hört, dass die Kellnerin Geburtstag hat, will er ihr ein Geschenk machen. Aber der Kellnerin fällt nichts ein. »Sie wollen nicht reich und berühmt werden?«, fragt er sie. Die Kellnerin denkt noch mal nach. Doch, da gibt es etwas, ja, sie hat einen Wunsch. Dann geht sie wieder runter, und die Geschichte geht weiter und weiter und arbeitet offensichtlich mit allem weiteren auf die Klärung von zwei Fragen hin. Was hat sie sich gewünscht? Und: Ist der Wunsch in Erfüllung gegangen? Aber Murakami denkt nicht daran, diese Fragen zu beantworten, er lässt die Geschichte in Belanglosigkeiten darüber enden, ob man Wünsche preisgeben darf, und erst gestern, also (noch einmal) vier Wochen später, verstand ich, warum. Die Belanglosigkeit am Ende verstärkt die Sensation in der Mitte. Gott ist ein Restaurantbesitzer in Tokyo! Womit soll man das toppen?