Grässlich schön. Ein Vanitas-Bild unserer Zeit. Lächelndes Leben, gruselnder Tod. Philip Roth erzählt in (für diesen Autor ungewöhnlich) leiser Genauigkeit vom Verlöschen eines Mannes, der einst sportlich gestählt die Welt genoss, die biegsame Kraft seines Körpers, den Frauen – die er betrog – zugewandt, die drei Ehen als zerbrochene Scherben von Glück hinter sich; und nun noch eine Operation und noch eine Operation, der so langsame wie unaufhörliche Verfall. Seit Martin du Gards La Mort du Père habe ich eine so tief verstörende, zugleich innige wie verzweifelte Saga vom Verlöschen des Menschen nicht mehr gelesen; den King Lear und den Werther mal außer Acht gelassen. Eine erschütternde Variation des Themas Versinken im Nichts. Erst der erfolgsverwöhnte Werbegrafiker voll erigierter Lebenslust, mit Delfinfreude sich in die Meeresbrandung stürzend oder in die Schöße der Frauen – zwar intensiv, aber für den Autor von Portnoys Beschwerden überraschend zart geschildert –: Und dann kommen die Abschiede; am grämlichen Grab der Eltern auf einem jener verwucherten jüdischen Friedhöfe, die man noch heute in ihrer unheimlich schweigenden Einsamkeit in New Jersey besuchen kann. BILD

»Auch der Obelisk, an dem sie vorbeigingen – mit einem Spruch in Hebräisch und den Namen der Familie, die am Fuß des Sockels begraben lag –, hatte die Jahrzehnte nicht überstanden. Am Ende der dichten Reihe aufrecht stehender Grabsteine stand das einzige gemauerte Mausoleum des alten Teils, ein Grabmal, dessen filigrane Stahltür und ursprüngliche zwei Fenster – zur Zeit der Beisetzung der Verstorbenen mit bunten Glasscheiben geschmückt – zum Schutz vor weiteren vandalistischen Übergriffen mit Betonsteinen zugemauert waren, so daß das kleine rechteckige Bauwerk jetzt eher einem verlassenen Werkzeugschuppen glich oder einer Außentoilette, die nicht mehr benutzt wurde, als einem Ort der ewigen Ruhe.«

Dann dreht sich mählich die Verlustspirale hinab. Männer, Kollegen, Freunde, die sich einst mit der kleinen Kikeriki-Indiskretheit von Haar und Haut und Hüftschwung erzählten (ich bin sicher, Frauen tun umgekehrt das Gleiche), wissen nun nicht mehr lockende Vornamen, sondern telefonieren von Aorta, Arthrose und Apoplexie; nicht mehr der stolz geschwellte Penis ist interessant, sondern die Karotis verstopft; die duftenden Mädchennamen setzen sich nun, da das aufrechte Sitzen beim Essen und das Rasieren anstrengend wird, zusammen zu Medikamentenbeschriftungen; statt Melinda: Dona, statt Carla: Keltican, statt Milena: Milneuron. Die Versuchung der Körperlichkeit wird nun bedrohlich: »Aber der Raum, den ihre Körper eingenommen hatten, war jetzt leer. Ihre lebenslange Stofflichkeit war dahin.«

Der Tod eines Angehörigen birgt nicht mehr nur Trauer, er wird Menetekel: »…und plötzlich sah er den Mund seines Vaters, als sei da gar kein Sarg, als falle die Erde, die sie in das Grab warfen, direkt auf ihn und verstopfe ihm Mund, Augen, Nase und Ohren. Am liebsten hätte er gerufen, sie sollten einhalten, ihnen befohlen, damit aufzuhören – er wollte nicht, daß sie das Gesicht seines Vaters bedeckten und die Öffnungen versperrten, durch die er das Leben einsog. Ich schaue in dieses Gesicht, seit ich geboren wurde – hört auf, das Gesicht meines Vaters zu begraben!«

Wer das sieht, blickt in den Spiegel. Philip Roths Protagonist, nun im Seniorenheim Malunterricht gebender Pensionär, spürt trotz allen Aufbäumens, wie sich das Lebensgewebe zum kalten Leintuch hin faltet, wie sein Lebensmuster verblasst. Es ist eine Gemächlichkeit zum Tode hin, mal Segeln, mal gegrillter Blaubarsch auf einer Terrasse über dem Meer, das es nun zu scheuen gilt, und mal der Blick auf Boote am Horizont. Ebenjene lügnerische Beschaulichkeit, die nur wegretuschiert. »Es war Zeit, sich über das Vergessenwerden Gedanken zu machen. Die ferne Zukunft war zur Gegenwart geworden.« Der Held bleibt ja namenlos, ein Jedermann; weil wir alle mitgezeichnet sind.

Bald wird es der Anrufbeantworter sein, mit dem er telefoniert und der nie antwortet. Und wenn doch mal einer zurückruft, erzählt er von Lungenkrebs, einer Hüftoperation oder dem dritten Bypass. Diese Telefonate im Roman sind mürbe gewordene Stricke zum Einholen der Welt. Wenn ich heute »Wägelchen« aus der Membran höre, ist es nicht Koseform für Mercedes Coupé oder BMW Cabrio: Es ist das Wägelchen eines mühsam sich Schleppenden.

Damit greift der Roman nach uns, dringt tief in die eigenen Ängste ein. Die Vergeblichkeit nähert sich. Das Misstrauen gegen die eigene Arbeit wächst. »Eben hochgemut im Mittelpunkt von allem, jetzt im Mittelpunkt von nichts.« Das Rauschen der Einsamkeit naht mit dem bedrohlichen Lärm der sturmgeschüttelten Baumäste vor dem Gewitter. Ich kann mich wiederfinden im Würgen dieses Buches: Mein Telefonbüchlein, ein kleiner Ledersarg, enthält überwiegend die Namen von Toten – ich mag sie nicht löschen, nicht Alfred Andersch noch Jurek Becker oder James Baldwin, nicht Max Frisch oder Dürrenmatt, ein Gespensteralphabet von Walter Höllerer über Horst Janssen bis zu Hans Werner Richter oder Susan Sontag; doch keine Verbindung. Kein Echo. Kein Plausch. Kein Hilferuf. Kein Klatsch.