Es gibt kaum einen größeren Gegensatz: An Virginia Woolf zu denken ruft Bilder pittoresker Düsternis auf – Depressionen, Schlaflosigkeit, der schaurige letzte Gang in den märzkalten Fluss Ouse, die Taschen voller Steine. Doch die ungebügelten Briefe der Virginia Woolf zu lesen fegt diese Nachtschwärze nach wenigen Seiten hinweg. "Du möchtest etwas über Mrs. Clifford wissen", schreibt sie am 2. April 1920 an ihre Schwester Vanessa Bell, "– die in der Tat alles war, was Du Dir je unter ihr vorgestellt hast – mit einem wabbeligen Hals, wie ein orientalischer Truthahn ihn hat, und einem Mund, der sich öffnete wie eine alte Ledertasche oder die intimen Teile einer großen Kuh". Was für eine boshafte Klatschbase! Welch eine überschäumende Schreib- und Spottlust!
Am 25. Januar 2007 jährt sich Virginia Woolfs Geburtstag zum 125. Mal. Zu diesem Anlass veröffentlicht der Fischer Verlag ihre ausgewählten Briefe in zwei Bänden, über tausend Seiten dick. Sie sind eine fast unheimliche Ergänzung zu ihrem Werk, etwas Unerwartetes, Ungebärdiges, Blutvolles. Wenn Virginia Woolfs Romane kostbare höfische Gewänder sind, voll schimmernder Farben und filigranster Verzierungen, und ihre Tagebücher die eigenbrötlerischen Alltagskutten dazu, dann sind ihre Briefe knallbunte Accessoires, gestreift, kariert, kokett, zerfranst und manchmal bestürzend zärtlich: "Ich habe das Gefühl, gemütlich im Beutel von Mutter Wallaby, dem Känguruh, eingekuschelt zu sein. Meine kleinen Pfoten schmiegen sich an meine pelzigen Wangen. Ist Mutter Wallaby sanft und zärtlich zu ihrem Kleinen? Es wird kommen und ihr armes, mageres, räudiges Gesicht lecken", schreibt die fast 25-jährige, die als kleines Mädchen ihre Mutter verlor, an die viel ältere Jugendfreundin Violet Dickinson.
Briefe schrieb Virginia Woolf ohne Fesseln. Sie schrieb sie eilig, ohne zu korrigieren, in gestohlenen Minuten zwischen der literarischen Arbeit am Vormittag und dem Handwerk am Nachmittag in der Hogarth Press, dem ambitionierten Kleinverlag der Woolfs. Deshalb bilden sie Virginia Woolfs typischen schöpferischen Prozess so genau ab, dieses "hinter der eigenen Stimme herstolpern", wie es in ihrem Tagebuch heißt. Leonard Woolf hat es ihr plötzliches "Abheben" genannt, wenn mitten im Gespräch die Inspiration über sie kam und sie "irgendeine verrückte, faszinierende, ergötzliche, traumhafte, fast lyrische Beschreibung eines Ereignisses, eines Ortes oder einer Person" gab. In den Briefen ist nichts zu spüren von ihren Qualen beim Schreiben der Romane, die oft Reisen an die Grenzen ihrer geistigen Gesundheit waren. Nichts zu spüren auch von ihrer lebenslangen Schüchternheit, ihrer pathologischen Verletzlichkeit, ihrer panischen Angst vor Kritik, die vor Erscheinen ihres ersten Romans zum Selbstmordversuch führte.
Von den oft introspektiven Tagebüchern unterscheidet die Briefe der explizite Wunsch zu gefallen, zu amüsieren, zu unterhalten – besonders gern mit Klatsch und Tratsch. Denn wem schrieb Virginia Woolf? Sie pflegte keine Korrespondenzen im herkömmlichen Sinn, indem sie sich etwa mit Kollegen gelehrt ausgetauscht hätte. Das eigene Schreiben spielt kaum eine Rolle. Nur Vita Sackville-West gegenüber äußert sie sich manchmal als behutsam kritisierende Lehrmeisterin: "Wir geborenen Schriftsteller neigen dazu, zu früh mit unseren silbernen Löffeln bereitzustehen: Ich meine, ich denke, daß es seltsamere, tiefere, kantigere Gedanken in Deinem Hirn gibt, als Du bislang hast herauskommen lassen."
Nein, mit wenigen Ausnahmen sind diese Briefe das Gegenteil intellektueller Diskurse, obwohl sie so klug sind. Sie sind spontane Liebesbeweise, mehr Herz als Verstand auf Papier. Sie sind gerichtet an die Familie und die besten Freunde, und sie haben meist keine Ordnung außer der zufälligen Folge ihrer Einfälle. Sie hüpfen von Alltagskram wie den ständigen Dienstbotenkriegen mit Lottie und Nelly zu Seitenhieben auf Dritte ("schließlich schlief er ein; wie ein preisgekröntes Schwein, das gut unterhalten wurde, schlafen dürfte") und enden bei einer toten Maus ("wahrscheinlich verhungert"), die aus ihrem Schmutzwäschekorb gefallen ist.
Er trägt "pflaumenfarbenen Samt wie ein Teewärmer"
Um Antwort zu erhalten – worum sie in vielen Briefen bettelt –, versorgte Virginia Woolf ihre Briefpartner mit den hinreißendsten satirischen Miniaturen: "Das arme alte Ding wogte und lobte, bis man wirklich meinen konnte, man spräche mit einem Geflügel im Delirium – ihr Hals wurde länger und länger, und Du weißt, wie sie sich immer an ›wundervoll‹ hängt, als wäre es ein Seil, das in ihrem Vakuum baumelt", lästerte sie über Ottoline Morell, und über Jack Hutchinson, er trage "pflaumenfarbenen Samt, wie ein Teewärmer". Wenn sie, ernsthafter, von Leseerfahrungen berichtet, ist sie nicht weniger pointiert: "Ich lese Henry James … und komme mir vor wie jemand, der in einem Block aus glattem Bernstein einbalsamiert ist."
Es gibt kaum einen größeren Gegensatz: An Virginia Woolf zu denken ruft Bilder pittoresker Düsternis auf – Depressionen, Schlaflosigkeit, der schaurige letzte Gang in den märzkalten Fluss Ouse, die Taschen voller Steine. Doch die ungebügelten Briefe der Virginia Woolf zu lesen fegt diese Nachtschwärze nach wenigen Seiten hinweg. "Du möchtest etwas über Mrs. Clifford wissen", schreibt sie am 2. April 1920 an ihre Schwester Vanessa Bell, "– die in der Tat alles war, was Du Dir je unter ihr vorgestellt hast – mit einem wabbeligen Hals, wie ein orientalischer Truthahn ihn hat, und einem Mund, der sich öffnete wie eine alte Ledertasche oder die intimen Teile einer großen Kuh". Was für eine boshafte Klatschbase! Welch eine überschäumende Schreib- und Spottlust!