Anders als von Mozart gibt es eine schöne authentische Frontalansicht von Joseph Martin Kraus, der im selben Jahr 1756 zur Welt kam. Ein 19-jähriger Student schaut uns da an, lässig den Kopf auf den Arm gestützt, das weiße Hemd über der Brust geöffnet, in der rechten Hand eine Tabakspfeife, vor sich ein Notenmanuskript. Ein Hochbegabter aus einer Odenwälder Bürgersfamilie, der träumerisch-selbstbewusst in die Zukunft guckt. Die wird ihn an den schwedischen Hof und durch Europa führen, sie wird sogar Haydn zu seinem Bewunderer machen – und ihm trotzdem wenig Glück bringen. Joseph Martin Kraus – der Komponist teilt das Geburtsjahr mit Mozart BILD

Kraus starb nur ein Jahr nach Mozart. Sein kurzes Leben ist perforiert von Fehlschlägen, sein Werk oszilliert zwischen Standortsuche und genialen Durchbrüchen wie der Partie der Dido in seiner Oper Aeneas in Karthago oder der stürmischen c-Moll-Sinfonie, der Haydn einen Platz »in allen Jahrhunderten« zutraute. Doch bis vor kurzem hatte Kraus bei der Nachwelt gar keinen Platz, und als sie ihn wieder entdeckte, musste er sich an Mozart messen lassen. Warum auch nicht? Wer einen Komponisten ernst nimmt, kann ihm nicht unter »ferner liefen« lauschen – zumal wenn er die großen Genres beliefert.

In seinem besten Stück für Streichquartett muss Kraus keinen Vergleich fürchten. Aber der Weg dahin war weit, wie sich beim Salagon Quartett nachhören lässt . Christine Busch und Kathrin Tröger (Violine), Claudia Hofert (Viola) und Gesine Queyras (Cello) verwöhnen Kraus mit stilkundiger Interpretation auf historischen Instrumenten und schlackenloser Technik, und doch vernimmt man viel Leerlauf, Kurzatmigkeit, prätentiöse Melancholie. Erstaunlich, wie viele abgründige Gedanken Kraus nachlässig im Dekorativen versanden lässt – etwa im Adagio seines E-Dur-Quartetts.

Doch als er auf Bitten eines Verlegers sein Es-Dur-Quartett schreibt, kommt er zu sich. Es beginnt, wie Kraus auf dem Porträt guckt: anwesend und träumend zugleich. Dann wechseln Stimmungen auf kleinstem Raum, ganz geschmeidig. Zu heiterer Konstruktionslust nah an der Wiener Klassik kommen romantisch stille Ausblicke, und eine virtuos irrlichternde erste Geige wird von den andern Streichern mild in ein Gespräch geführt. Man muss den ganzen Kraus nicht erst an Mozart messen, sondern an seinen eigenen Wundern, um eine seltene Erscheinung zu erkennen: ein unvollendetes Genie. Volker Hagedorn