Für August Reckweg beginnt der 6. September 2000 wie alle Tage seit fast vierzig Jahren. Halb steigt, halb rutscht der 66-Jährige ohne Mühe den unbefestigten Sanddamm hinab aufs Feld. Das liegt fast zwei Meter tiefer, weil es seit gut einem Menschenleben Torf liefert. Sanft wie beim Traubenkeltern saugt der Boden die Füße ein. Reckweg kennt das Moor auf Schritt und Tritt. Er liest die Landschaft wie kein anderer. Was er über das Leben weiß, hat er von ihr. Zum Beispiel vom Fleisch fressenden Sonnentau. Das karge Hochmoor lehrte die Pflanze im Lauf der Zeit, mit seinen Rosetten Insekten zu fangen, um sich zu ernähren. Für August Reckweg war es 17 Jahre lang der Spaten gewesen, der seine Existenz sicherte. Danach stieg er auf die Torfstechmaschine um.

An diesem Mittwochmorgen steht sie auf Feld 26 des Torfwerks Warmsen im Uchter Moor. Das erstreckt sich über 50 Quadratkilometer am Ende des südwestlichen Niedersachsens. Reckweg und seine Maschine beginnen, einsam ihre Furchen zu ziehen. 1000 Meter in Richtung Horizont, wo ein paar ferne Birken die Einöde markieren. Und 1000 Meter zurück in einer neuen Spur. In jeder Minute sticht das graue Monster, das an den Mähdrescher einer armen LPG erinnert, 80 Zentimeter tief in die Kruste, holt 16 Torfsoden herauf, zerteilt sie auf dem Absetztisch vor der Fahrerkabine und stapelt die Blöcke am Graben auf. Der Boden bebt bei jedem Stich.

Es wird 10.30 Uhr. Die Maschine marschiert in monotonem Stechschritt wie im Schlaf. Doch Reckweg sieht plötzlich etwas, das kein anderer mehr entdeckt hätte, seit im Moor nicht mehr von Hand gestochen wird. Der heute 72-Jährige erinnert sich: "Plötzlich, als das Schlagmesser hochzog, hatte ich einen Beinknochen im Torf auf dem Absetztisch. Ich griff nach ihm. Drosselte den Motor. Stich um Stich kamen Wirbel und andere Skelettteile hinzu. Ich stoppte die Maschine. Sah mir die Wand des Stechgrabens an. Genau zwischen Weißtorf und Schwarztorf steckte ein Schädelknochen. Ich legte alles auf die Soden und markierte die Stelle mit einer Colaflasche. Mir war klar, dass meine Maschine einen Menschen, der mitten im Torf lag, in hundert Stücke zerteilt hatte. Ich alarmierte den Moormeister."

Um 11.25 Uhr wird Feld 26 zum Fundort. Die Polizisten der Samtgemeinde Uchte protokollieren: "Lichtbilder angefertigt. Beschlagnahme des Fundorts." Um 13.15 Uhr übergeben sie an die Kollegen vom FK 1 (Fachkommissariat für Kapitalverbrechen) der Kreisstadt Nienburg. Kriminalhauptkommissarin Anette Kettner, blond und gestählt vom Leistungssport, holt sich Hacke und Spaten. Das Moor liegt düster unter Schlieren von dünnem Regen. In Gummistiefeln und Ölzeug zerbröckeln Kettner und die Kriminalkommissarin Ursula Beyer drei Stunden lang Torfsoden. Sie bergen ein Kieferstück mit Zähnen, ein Fußende, Beckenschaufeln, Knochen. Alles fühlt sich weich wie Gummi an, weil das Moor den Kalk entzogen hat. Ist kaum zu unterscheiden von Holz und anderen Faserteilen.

Manfred Bischoff, alerter Werksleiter der Torf und Humus GmbH Uchte, und Moormeister Reinhold Radtke machen Angaben zum Fundort. Was sie sagen, weckt den kriminalistischen Spür-sinn. Und verstärkt die dunklen Ahnungen, die der Mensch an die schwarzen Wasser des Moores heranträgt. Direkt an der Fundstelle, so erzählen sie, sei früher ein Damm für Torfloren verlaufen. Und beiderseits dieses Sandrückens zogen sich seit den fünfziger Jahren Entwässerungsgräben hin. Die Kripo Nienburg informiert ihre vorgesetzte Dienststelle in Hannover mit dem Vordruck "Todesermittlungsursache" über die "Meldung des unnatürlichen Todesfalles … durch August Reckweg…". Der Vermerk über die Leiche ist kurz: "Zuname: unbekannt". Am 11. September entscheidet die Staatsanwaltschaft Verden, dass der Fund dem Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Eppendorf (UKE) in Hamburg überstellt werden soll. Kommissarin Kettner hält als "vorläufiges Ermittlungsergebnis" fest:

"Lage des Leichnams parallel zu dem Querdamm in einem Entwässerungsgraben, so dass zu vermuten ist, dass der Leichnam in einem derartigen Graben abgelegt wurde… Der Mitteldamm wurde vermutlich – entsprechende Unterlagen fehlen – Anfang der siebziger Jahre wegplaniert und der Entwässerungsgraben zugeschüttet, so dass eine dort liegende Leiche im Torf begraben wurde."

Der Fundort wird zum Tatort. Zum Tatort gehört ein Verbrechen. Kriminalhauptkommissar Martin Lange, der Leiter des FK 1, hat die alten Akten im Kopf. Der erfahrene Profi, der ein abgründig-ironisches Lächeln aufsetzen kann wie der Schauspieler Lee van Cleef, kombiniert. Aus dem Raum des Uchter Moores stammte ein junges Mädchen, das eines Nachts vor dreißig Jahren in Nienburg verschwand und nie wieder auftauchte. Die Vermisstenakte ist längst in Vergessenheit geraten. Der Kommissar holt von der Gerichtsmedizin in Hamburg erste Erkenntnisse über die Moorleiche ein. In seinem Bericht vom 6. Oktober 2000 macht Lange die Verbindung zwischen dem Fund und dem verschwundenen Mädchen amtlich: Da es sich nach der ersten Untersuchung "bei der aufgefundenen Person bzw. deren Knochenresten um die verbliebenen sterblichen Überreste einer jungen Frau im Höchstalter von 19 Jahren handeln könnte…, wurde hier festgestellt, dass seit dem 14. 12. 1969 die ELKE KERLL; geb. 31. 01. 1954 in Wellie, zuletzt gemeldet in Stolzenau, …aufhältig im Schülerheim Kostendiek, Loccum, …vermisst wird."

Am 9. November 2000 erhält die Nienburger Kripo den Untersuchungsbericht aus Hamburg, Absender Professor Klaus Püschel, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin, und Oberärztin Professor Ute Lockemann. "Betr. Moorleiche" teilen sie mit: "Unvollständiges Skelett. Beide Hände fehlen komplett. Vorhanden sind folgende Knochen… Altersbestimmung: ca. 16 bis 19 Jahre (gemäß zahnärztlicher Untersuchung ca. 18 bis 21 Jahre). Körpergröße: mindestens 146 plus/minus 4,03 cm… An den vorhandenen Zähnen keine Zahnarbeiten… An den vorhandenen Knochen befinden sich keine Verletzungen … DNA-Bestimmung gelang durch die fortgeschrittene Protein-Denaturierung u. a. durch die Huminsäure im Boden nicht…". Die Hamburger empfehlen eine umfangreichere DNA-Untersuchung in der Universität Göttingen – und bekräftigen den Verdacht des Kommissars: "Möglicherweise könnte es sich um die seit vielen Jahren vermisste Leiche eines abgängigen (damals) 16-jährigen Mädchens handeln."

Der 13. Dezember 1969 ist ein Samstag. Aus der "Schauburg" dröhnen heiße Rhythmen in die vorweihnachtliche Kälte. Der ehemalige Kinoschuppen in den Parkanlagen der Stadt Nienburg/Weser ist der musikalische Hammer im Landkreis und der erste Kreis der Hölle für die umwohnende ältere Generation. Es wird 20.30 Uhr. Die 17-jährige Regine Schäfer und ihre fast 16-jährige Freundin Elke Kerll schieben sich in die randvolle Disko. Elke ist per Anhalter aus Loccum gekommen. Beide verlockt es immer wieder, am Wochenende durch den Kreis Nienburg zur Schauburg zu trampen. Obwohl Elke, wie eine andere Freundin weiß, schon einmal ein zerkratztes Gesicht mitgebracht hat.

Elke Kerll ist ein hübsches Mädchen. Klein, zierlich, die dunklen Haare neuerdings nach hinten gekämmt. Das auffallend blasse Gesicht und die hellgrauen Augen verraten nicht, dass sie fast noch ein Kind ist.

Die Praktikantin, die wochentags im Schülerheim des Ortes Loccum nahe dem Steinhuder Meer im Haushalt hilft, hat sich in der Schauburg mit ihrem Freund "Hansel" verabredet. Beide tanzen zuerst. Setzen sich dann alleine an einen Tisch, nippen an ihrem Fruchtsaft. ndere junge Männer fordern Elke zum Tanzen auf. Man kennt sich aus den wenigen dörflichen Jugendtreffs. Gegen 22 Uhr fragt Regine Schäfer, die eine Fahrgelegenheit hat, ihre Freundin, ob sie nicht mit nach Hause wolle. Elke möchte weitertanzen. Sie hat ein Mädchen aus Wellie getroffen, dem Dorf, in dem sie 1954 zur Welt kam. Es ist die 17-jährige Anita Mandt. Ein Bekannter aus Uchte hat Anita nach Nienburg mitgenommen und will sie auch wieder nach Hause bringen.

Als der junge Mann um Mitternacht in der Disko aufkreuzt, bestürmt ihn Elke sogleich, sie auf der Rückfahrt auch nach Loccum zu bringen. Er verspricht, Anita und Elke um 3 Uhr früh in der Leinstraße aufzulesen, die nahe der Schauburg die Park- und Wallanlagen der alten Garnisonsstadt durchschneidet. Elkes Freund Hansel, den die Polizei später als den 18-jährigen Fernmeldelehrling Hans-Wilhelm Vehrenkamp identifizieren wird, bricht gegen 0.30 Uhr zu Fuß in das an Nienburg grenzende Straßendorf Holtorf auf. "Ich begab mich allein nach Holtorf", lautet seine Aussage vom 13. Februar 1970, "und wollte bei Jürgen Pechmann übernachten."

Elke und Anita machen sich schon bald nach 1 Uhr in die Leinstraße auf. Während sie Anitas Bekannten erwarten, kommt "Heinzi" vorbei, der auch ein Auto hat. Plötzlich ändert Elke ihren Plan. Sie will nun auch zu Jürgen Pechmann, den seine Freunde Pauli nennen, und von dort am nächsten Tag nach Loccum trampen. Den weiteren Verlauf der Nacht schildert Anita Mandt bei ihrer Vorladung am 9. Februar 1970: "Zusammen fuhren wir dorthin. Ich hatte den Eindruck, daß Elke sich da auskannte. Wir warfen Schnee an ein Fenster im ersten Stock. Pauli sollte da mit seiner Oma wohnen. Die Tür wurde von einem ›Hansel‹ geöffnet. In der Leinstraße hatte mir Elke erzählt, daß dieser ›Hansel‹ ihr Freund sei. Außerdem war noch ein Frank da. Wir sind im Haus hoch geschlichen, damit die Oma nichts hörte."

Der 19-jährige Arbeiter Jürgen Pechmann erzählt der Kripo am 13. Februar 1970 seine Version: "In meinem Zimmer hielten sich Hans Vehrenkamp und Frank Denson auf. Frank wohnte im Dezember bei mir… Anita und Heinzi blieben etwa eine Stunde. Als die beiden wegfuhren, legten wir uns alle schlafen. Frank und ich schliefen in einem Raum in getrennten Betten, während Elke und Hansel im Nebenraum schliefen… Ich wurde gegen 8 Uhr von Elke geweckt. Sie fragte, ob ich jemanden wüßte, der sie zur Arbeit fahren könnte… Als Elke mich weckte, war sie bereits angezogen. Hansel hatte sich auch fertig gemacht und wollte sie eine Strecke zur Straße begleiten. Nach etwa 15 Minuten kam er wieder und legte sich im Nebenzimmer schlafen."

Der 20-jährige Frank Denson, der dritte Mann der Holtorfer Nacht, ein im Landkreis Nienburg geborener britischer Staatsangehöriger und zu jener Zeit Fensterputzer, weicht von dieser Aussage ab. So erklärt er: "Wir kamen überein, in meinem Zimmer die Nacht zu verbringen. Wir konnten uns auf insgesamt vier Sofas verteilen." Aus dieser Perspektive gibt er zu Protokoll: "Mit der Elke hat niemand etwas vorgehabt. Ich habe nicht bemerkt, daß jemand mit ihr den Geschlechtsverkehr ausführte."

Elkes Freund Hans-Wilhelm Vehrenkamp wiederum macht am 13. Februar 1970 zur Raumaufteilung nur eine vage Angabe, während er im Gegensatz zu Pechmann aussagt, dass der noch gar nicht wach war: "Am nächsten Morgen verließ ich gemeinsam mit Elke das Zimmer. Pechmann und Denson schliefen noch. Mit der Elke bin ich ca. 100 Meter in Richtung Nienburg gegangen. Hier habe ich mich von ihr verabschiedet. Es war schon hell. Der Elke hatte ich empfohlen, zum Bahnhof zu gehen. Sie hätte um 10 Uhr auf ihrer Arbeit in Loccum sein müssen. Sie sagte, sie wolle nach Loccum trampen… Für 15 Uhr waren wir an diesem Sonntag in der Schauburg verabredet. Ich war da, Elke jedoch nicht."

Wenn Vehrenkamps Angaben zutreffen, ist er der letzte Zeuge gewesen, der Elke Kerrl gesehen hat. Niemand sonst hat sich gemeldet, dem das Mädchen an diesem Sonntagmorgen begegnete, als es in seinem grünen Wollmantel die schnurgrade, fast baumlose B 215 durch das Straßendorf Holtorf in Richtung Nienburg gegangen sein soll.

Was war zwischen Elke und Hansel? "Die Elke Kerll aus Stolzenau", hat Hans-Wilhelm Vehrenkamp am 13. Februar 1970 der Polizei erzählt, "ist meine Freundin. Ich hatte sie im November 1969 in Nienburg in der Schauburg kennengelernt… Wir haben uns in der Woche etwa zweimal getroffen. Ich habe mit ihr in den drei Wochen unserer Bekanntschaft geschlechtlich nicht verkehrt. Gesprächsweise sagte sie mir, daß sie noch unschuldig sei."

Drei Tage nach dieser Aussage vermerkt eine Kripobeamtin, die sich an Elke Kerlls Arbeitsstelle in Loccum umgehört hat: "Die Schülerin H. R., geb. am 18. 11. 1951…, berichtet mir, daß Elke ca. 14 Tage vor ihrem Verschwinden geäußert habe, ein Kind zu bekommen. Daraufhin habe man ihr Regulationstabletten für die schnelle Einleitung der Menstruation besorgt." Die Schülerin rät, noch andere Mädchen im Heim zu befragen, die bessere Kontakte zu Elke gehabt hätten und mehr sagen könnten. "Leider", schließt die Beamtin ihren Bericht, "war es an diesem Tag nicht möglich, weitere Mädchen anzuhören, da diese zur Schule in Stolzenau waren."

Auch während der folgenden Tagen und Wochen hört die Kripo die 18- bis 19-jährigen Schülerinnen nicht an. Sie kommt überhaupt nicht wieder auf den brisanten Anhaltspunkt einer Schwangerschaft zurück. Und lässt damit einen Schlüssel außer Acht, der ihr unter Umständen den Zugang zum Geheimnis um Elke Kerlls Verschwinden hätte verschaffen können. Ebenso wenig konfrontiert die Polizei die drei Kavaliere von Holtorf mit den Widersprüchen in ihren Aussagen. Das ganze Szenario dieser letzten, von den Zeugen beschriebenen Stunden Elke Kerlls hätte nahe gelegt, die Räume des Nachtlagers in Augenschein zu nehmen. Doch die Beamten sehen keinen größeren Handlungsbedarf, weil sie sich früh und fortlaufend auf eine "Vermisstensache" und nicht auf ein Verbrechen festlegen. Am 23. Dezember 1969 richten sie eine "Fernschrift" an die Landeskriminalpolizei in Hannover: "Betr. Praktikantin Elke Kerll… Seit 14. 12. 1969 abgängig. Treibt sich vermutlich herum. Bei Aufgreifen Vater Horst Kerll … verständigen… Tochter wird abgeholt." Noch drei Jahre später erklärt die Kriminalhauptmeisterin Renate B. der Zeitschrift Weltbild: "Wir vermuten, dass sich das Mädchen aus irgendwelchen Ängsten nicht nach Hause getraut hat und sich verborgen hält… Sie hat sich sicher aus unserem Kreis abgesetzt."

Seit drei Jahrzehnten sind Horst und Hertha Kerrl in Stolzenau ohne jedes Zeichen von ihrer Tochter geblieben. Da kommt am 5. Oktober 2000 nach langer Zeit wieder einmal die Polizei in ihre kleine, gepflegte Wohnung, in der sie mit ihrer zweiten, schwerbehinderten Tochter Martina leben. Es ist inzwischen nicht mehr so, dass sich die Angst noch riesenhaft vor der fast winzigen Hertha Kerll aufbaut. Aber das Herz zieht sich doch wieder zusammen. Kriminalhauptkommissar Martin Lange und ein jüngerer Kollege wählen einen schonenden Umweg. Erklären, dass sie alte Vermisstenfälle nochmals aufarbeiten und sich dabei auch die Akte der Tochter wieder vorgenommen hätten. Dann kommen sie darauf zu sprechen, dass im Raum Uchte das Skelett einer jungen Frau gefunden worden sei – aber, natürlich, gäbe es keinerlei Gewissheit, weitere Untersuchungen seien erforderlich.

"Beide", schreibt Lange am nächsten Tag in seinem Bericht, "nahmen diese Nachricht gefasst auf und äußerten, dass sie schon mit einem derartigen Ergebnis einmal gerechnet hätten… Sie erklärten ihre grundsätzliche Bereitschaft, für eine DNA-Untersuchung zur Verfügung zu stehen… Speziell befragt nach einem Zahnarzt von Elke Kerll, erklärten sie, dass Elke vermutlich nie beim Zahnarzt gewesen sei. Sie habe gute Zähne gehabt." Auch an Frakturen oder irgendeine Operation hätten sich die Eltern nicht zu erinnern gewusst.

Das passt zum Gutachten der Hamburger Ge-richtsmedizin, wonach die in Uchte gefundene Tote keine Zahnarbeiten und keine Verletzungen an den Knochen aufwies. Am 17. November 2000 wird das Mädchen aus dem Moor wieder auf die Reise geschickt. "Die Skelettreste wurden heute", heißt es im Vermerk des FK 1, "zusammen mit einem Zivilkraftfahrer vom Institut für Rechtsmedizin in Hamburg abgeholt… Anschließend wurden sie dem Institut für Zoologie und Anthropologie der Universität in Göttingen übergeben. Ein richterlicher Beschluss für die DNA-Untersuchung wurde beantragt."

Die erweist sich als kompliziert. Erst am 6. Mai 2002 erhält Kommissarin Kettner das Gutachten: "Aufgrund der vorliegenden Sequenzierungsergebnisse aus den Proben der Moorleiche scheint es sinnvoll, die mitochondriale DNA einer möglichen Verwandten (Mutter) zu untersuchen … Speichelproben (sind) ausreichend." Zwanzig Monate sind vergangen, seit Kommissar Lange die Eltern Kerll vom Fund im Moor in Kenntnis gesetzt hat. Am 3. Juli 2002 kommt Anette Kettner nach Stolzenau, um von Hertha Kerll einen Mundschleimhautabstrich zu holen.

Der Abstand, den die Zeit Horst und Hertha Kerll zuvor allmählich geschenkt hatte, ist wieder zusammengeschmolzen. Ein Jahr lang müssen sie auf die Abgleichung des Erbgutes warten. Mit Datum vom 31. Juli 2003 lässt Susanne Hummel vom Göttinger Institut Kommissarin Kettner wissen: "Nach Vergleich der Nukleotidpositionen in allen Fragmenten (A, B, C) scheint es sehr unwahrscheinlich, dass es sich bei der Moorleiche um die leibliche Tochter der Hertha K. handelt."

Ihrer DNA-Untersuchung lässt Susanne Hummel einige höchst kritische, fast schonungslose Anmerkungen folgen: " Wir haben uns zugleich auch den morphologischen Befund der Hamburger nochmals gründlich angesehen und daraufhin auch nochmals intensiv die Moorleiche. Dabei sind uns einige Unstimmigkeiten aufgefallen: (a) im Befund sind die Schädelfragmente nicht erwähnt, obwohl der Schädel nahezu vollständig vorliegt… (b) es heißt, dass keine Hände vorhanden sind. Das ist im Prinzip richtig, einzelne Handknochen, ein Mittelknochen und zwei Fingerknochen … sind jedoch vorhanden… (d) das zahnärztliche Gutachten spricht davon, dass nur ein Weisheitszahn (3.8) vorhanden sei. Das stimmt so nicht. Drei Weisheitszähne waren vollständig durchgebrochen…".

Ihre Akribie ermutigt die Gutachterin schließlich zu einer Art Anfangsverdacht: "Noch eine wichtige Frage: Konnte eigentlich jemals ausgeschlossen werden, dass es sich bei der Moorleiche um einen archäologischen Fund handelt?"

Frau Hummels Frage vom 31. Juli 2003 bleibt unbeachtet. Und die Nienburger Polizei mit der Akte Elke Kerll wieder allein.

Was steht nicht in dieser Akte über Elkes Leben und ihr Umfeld? Als in Nienburg 1945 der braune Spuk zu Ende gegangen ist, wird der Kinoschuppen mit dem pompösen Namen Schauburg alsbald das Tor zu einer dort unbekannten, wenn auch nicht eben neuen Welt. Western und Piratenabenteuer, die Bibel- und Sandalen-Schinken im neuen Kino-Breitwandverfahren, Jenseits von Eden und Verdammt in alle Ewigkeit lehren, dass an jedem Tatort der Erde am Ende das Schwert der Gerechtigkeit siegt. Als die großen Filmtheater seit Ende der sechziger Jahre das Schicksal der Saurier ereilt, weil das Fernsehen aufkommt, wird die Schauburg geteilt. Aus einem Saal macht man drei: einen Jugendraum mit Tischfußball, ein Kleinkino nach neuestem Schick mit Pommes und Cola, eine Disko. Sie lässt den trutzigen Bau noch einmal aufleben. Der Discjockey legt all die Popgruppen auf, die den Beatles und Stones folgen. Elke tanzt, einen Sommer lang.

Sie ist eine gute Grundschülerin gewesen, habe auch schöne Briefe geschrieben, wie später der Lehrer sagt. Sie lacht viel und wird nur feindselig, wenn andere ihre behinderte Schwester hänseln. Was über die Disko hinausgeht, fehlt ihr: Bildung, Bücher, Berufspläne. Was die Eltern ihr geben oder besser: ihr lassen, ist die große Freiheit, auf keine "Polizeistunde" achten zu müssen. "In der Arbeitsstelle in Loccum war aufgefallen, dass die Jugendliche offenbar die Erlaubnis hatte, sich abends lange in Gaststätten aufzuhalten, und zwar bis 0.00 Uhr. Hierzu befragt, erklärte Frau Kerll, dem Mädchen tatsächlich eine solche Erlaubnis gegeben zu haben. Sie begründete das damit, dass auch jüngere Mädchen ausgingen und länger bleiben dürften", vermerkt die Kripo.

Mädchen vom Lande, die etwas auf sich halten, kosten die neue Freizügigkeit der sechziger Jahre aus. Während die Mütter im BDM und Jugendarbeitsdienst zu Kriegsbräuten herangezogen worden waren, pendeln die Töchter per Anhalter zwischen den Orten und Tanzschuppen an der Weser. Träumen auf Spritztouren von der großen Welt, für die es noch nicht die touristischen Surrogate von heute gibt. Glauben, die ländlichen Grenzen hinter sich lassen zu können, wozu Orte an großen Flüssen mit ihren durchziehenden Schiffen besonders verlocken. Und bleiben doch an Milieu und Rituale gekettet. Für Elke Kerll wird diese Leichtigkeit des Seins zu einer trügerischen Falle. Wie das Moor. Seit dem 14. Dezember 1969 ist sie wie vom Erdboden verschlungen.

Mit der Zeit versinkt auch die Erinnerung an sie. Nirgendwo steht noch ein Bild von Elke. Es gibt keine Familienfotos in Horst und Hertha Kerlls Wohnzimmer mit dem Blick auf die Stolzenauer Fachwerkhäuser. "Es half ja nichts", sagen die beiden Alten, "das Leben musste weitergehen." Es ist ein halbes Leben her, seit der Vater am 16. Dezember 1969 die Vermisstenanzeige aufgab. Im Juni 2006 ist er 80 Jahre alt geworden. Für Bilder vom Leben vor und mit Elke bot sich nie viel Gelegenheit. Horst und Hertha hatte der Krieg noch als Jugendliche geholt. Den Jungen mit 17 aus Stettin in die Normandie und von da in die Gefangenschaft. Das Mädchen aus Lettland über den Warthegau nach Posen zum Auffüllen von Granaten. Durch das Rote Kreuz fand Horst die Mutter bei Stolzenau und Hertha dort den Vater. Beide fanden einander "beim Engländer", im Munitionswerk. Horst machte der Fußball heimisch, wie so viele Versprengte. Er spielte beim SC Stolzenau, vor immer vollem Haus, die Konkurrenz des Fernsehens gab es noch nicht. Die Gemeinde stellte ihn zum Dank als Sportwart an.

Weihnachten 1969 vermissten sie Elke schon seit zehn Tagen. Weihnachten blieb schrecklich. "Aber andere Eltern", sagt der Vater, "müssen ja auch von ihren Kindern Abschied nehmen." – "Sie wissen aber, wo sie sind", schränkt die Mutter ein. "Wenn man gestorben ist, liegt man auf dem Friedhof." – "Man musste sich abfinden", sagt der Vater. Abfinden mit vielem.

Wenn das Suchbild des Mädchens in den ersten Jahren in den lokalen Zeitungen erschien, meldeten sich Wichtigtuer und Hobbydetektive, die Elke in Hamburg und Holland, Hannover, Köln oder Bingen gesehen haben wollten. Zumeist im Rotlichtmilieu.

"Ach", winken die Eltern ab, "wir haben ja so viel Freude an unserer Tochter", und meinen damit Martina, die 40-jährige Schwerbehinderte. "Sie kann nicht sprechen, aber alles begreifen. Wir verstehen sie genau. Hauptsache, sie ist gesund! Sie sieht die Lindenstraße und kennt alle Namen. Sie weint und lacht mit den Helden, schimpft mit den Bösen."

Und wenn die Eltern abends vor dem Bildschirm sitzen, den Kommissar sehen und die Bösen, die immer wieder mal ein junges Mädchen quälen, foltern, verschwinden lassen?

"Dann sagen wir uns, es ist ja nur ein Film."

Im gelben, verwinkelten Klinkerbau des Lan-desamtes für Denkmalspflege in Hannover klin-gelt am 6. Januar 2005 immer wieder das Telefon. Hartnäckig verlangt ein Polizeibeamter aus Nien-burg nach dem niedersächsischen Landesarchäo-logen Henning Haßmann. Als die beiden endlich verbunden sind, wird der Archäologe sofort hell-hörig. "Wir haben hier eine Hand", berichtet Kriminaloberkommissar Klaus-Dieter Schmidt, "ein Torfarbeiter hat sie gestern entdeckt. Direkt neben einer Stelle, wo vor viereinhalb Jahren schon ein Skelett im Moor gefunden wurde. Bisher sind wir von einem Mordfall ausgegangen. Aber die Hand erinnert irgendwie an ägyptische Mumien…". Hassmann unterbricht: "Wir machen uns sofort auf den Weg!"

Als zwei Streifenbeamte am Tag zuvor die vom Arbeiter Werner Ehlers gefundene Hand in die Nienburger Dienststelle gebracht hatten, war Schmidt nicht mehr zu bremsen. "Ich suche jetzt keine Opfer und Mörder mehr, ich will wissen, wie lange diese Hand schon im Moor gelegen hat", sagt er den Kollegen.

Nur zwei Stunden nach dem Anruf sitzen Haßmann und der Paläoökologe Andreas Bauerochse bei der Nienburger Kripo. Schmidt greift hinter sich, wickelt ein Papierbündel auf und legt die braune Hand auf den Schreibtisch. "Sie ist so schön, dass man noch die Fingernägel lackieren könnte", lacht er. "Unglaublich", sagt Haßmann, "ich schätze, sie ist rund 2000 Jahre alt." Andreas Bauerochse, der einen Blick auf die alten Polizeifotos von den Torfschichten der Fundstelle geworfen hat, nickt: "Aber nicht älter als 3000 Jahre!"

Sie irren nicht.

Polizei und Gerichtsmedizin sind einer falschen Fährte nachgegangen. Sie haben kein Mordopfer aus dem Moor geborgen. Der Fundort ist kein Tatort gewesen. Kommissar Klaus-Dieter Schmidt, der mit seinem Anruf dem Fall die Wende gegeben hat, muss die alten Spuren im Fall Elke Kerll noch einmal aufnehmen. Ein Zufall wird dem Mann helfen. Doch das liegt noch vor ihm.

Im Februar 2005 lässt die eigentliche Sensation den Kriminalfall vergessen.

Eine Radiokarbondatierung im Leibniz-Labor für Altersbestimmung und Isotopenforschung in Kiel ergibt zweifelsfrei: Die Hand gehört zur Leiche der jungen Frau. Sie war 17 bis 20 Jahre alt, als sie ins Moor geriet – vor rund 2650 Jahren. Zwischen 746 und 515 vor Christi Geburt. Zu Beginn der vorrömischen Eisenzeit. Das vermeintliche Opfer eines neuzeitlichen Verbrechens ist plötzlich die älteste aller datierten Moorleichen, die je in Niedersachsen gefunden worden sind.

Sie hat die vorangegangene kriminalistische Spurensuche allerdings nicht ohne Blessuren überstanden. Mehr als vier Jahre lang sind die nicht mehr genügend durchfeuchteten Knochen und Hautteile geschrumpft, weil sie in die unbekömmliche Trockenheit und Kühle der Asservatenkammern verbannt wurden. Da der Fundort im Moor so verführerisch als Tatort erschienen war, hatten Polizei und Gerichtsmedizin im Herbst 2000 die Radiokarbondatierung (Preis: 585 Euro) ausgespart, mit der sich die Liegezeit der Toten leicht hätte ermitteln lassen. Dabei ist nicht unbekannt, dass Moorleichen der kriminalistischen Logik schon mal posthume Streiche spielen können. Der Sauerstoffabschluss im Torf lässt ihnen nicht ansehen, ob sie 30, 300 oder mehr Jahre dort gelegen haben. Weil aber alles so gut zu einem Kriminalfall passte, ließen die Ermittler das moderne Instrument der Isotopenanalyse ungenutzt.

Nun soll die Scharte ausgewetzt werden. Gemeinsam beschwören im August 2005 Gerichtsmediziner und Kriminalbeamte, Archäologen und Anthropologen in der Zeitschrift Rechtsmedizin die zweite Chance, die sie durch den nachträglichen Fund der Hand erhalten haben: "Eine frühzeitige interdisziplinäre Kooperation … hätte Irrungen und Wirrungen vermeiden lassen und eine schnellere und professionelle Bearbeitung dieses archäologisch bedeutsamen Fundes ermöglicht. Viereinhalb Jahre nach dem Auffinden der Moorleiche wird dieser Fall jetzt in enger interdisziplinärer Zusammenarbeit wieder aufgearbeitet."

Dazu haben sich Haßmann und Bauerochse zunächst einmal ans Telefon hängen müssen, um die Skelettteile aus den Instituten in Hamburg und Göttingen wieder zusammenzuführen. Als alles eingesammelt ist, reist das prähistorische Wunderkind im Juni 2005 – jetzt im klimatisiertem Koffer bei 18 Grad und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit – an sein 2650 Jahre altes Grab zurück. An der abgelegenen Fundstelle preisen Archäologen und Anthropologen, Mediziner und Minister die wieder zusammengefügten Skelettteile als einzigen weitgehend erhaltenen menschlichen Körper aus der frühen Eisenzeit, der je im Europa diesseits der Alpen entdeckt wurde. Sie scheuen nicht einmal den Vergleich mit Ötzi, dem fast 5000 Jahre alten Schnalstaler Gletschermann.

Die Eventkultur lässt sich die Attraktion nicht entgehen. Regionale Radio- und TV-Programme des NDR animieren Hörer und Zuschauer, dem Fundskind einen Namen zu geben. Vorschläge kommen per E-Mail selbst aus Nord- und Süd-amerika, Asien und Afrika. Die medialen Wieder-täufer einigen sich auf den Namen "Moora". Bild fragt: "Wie starb Moora?" und macht das Mädchen zur Heldin eines Kurzromans. Frau im Trend bekümmert sich: "Musste es sterben, weil es Unzucht begangen hatte?"

Uchte hat andere Sorgen. Moora soll den Tourismus ankurbeln. Bei ihrer Präsentation im Moor ist die Lokalprominenz komplett angetreten. Die Samtgemeinde rund 60 Kilometer südlich von Bremen gehört mit ihren 15000 Einwohnern zu den strukturschwächsten Regionen Deutschlands. Die Torfwerke wenigstens geben Arbeit. Zwei sind noch übrig, das dritte hat vor einigen Jahren geschlossen. Seine Felder müssen rekultiviert, die Schienen der Torfloren abgebaut werden. Die Kommunalkasse ist leer.

Dieter Sprado, der Direktor der Samtgemeinde, hat noch vor dem sensationellen Fund eine Idee gehabt: "Wir könnten eine Moorbahn für Touristen einrichten, Besuchern und Schulklassen den alten Handtorfstich demonstrieren, ihnen die Pflanzenwelt und den Vogelschutz zeigen!" Die konservativen Kommunalpolitiker haben da gleich die niedersächsischen Schädel geschüttelt und die Daumen gesenkt. Doch seit "das Mädchen" Uchtes Moor berühmt gemacht hat, wird Sprados Torfbahn von einer großen Koalition angeschoben. Alle Weichen sind jetzt gestellt, ein Infozentrum mit Café kommt hinzu, auch ein Beobachtungsturm und vielleicht in zwei, drei Jahren sogar Moora selbst. In Silicon. Wenn sie mit Hilfe der Computertomografie nachgebildet sein wird.

So ist Moora als Kind dieser Zeit auferstanden. Sie visualisiert die Heimatgeschichte. Sie macht den Archäologen Hoffnung auf ein wenig mehr Fördermittel. Dem Team, das Mooras Karriere jetzt wissenschaftlich begleitet, fehlt es an Sponsoren. Zwar bekam Lutz Stratmann, Niedersachsens Minister für Wissenschaft und Kultur, schon bei der Präsentation der archäologischen Sensation die Frage gestellt: "Für Ötzi hat man eine zweistellige Millionensumme aufgebracht. Wie viel werden Sie bereitstellen?" Der Minister zog sich hinter eine bescheidene, vage Zusage zurück und hält sich seither bedeckt.

Dabei ist Niedersachsen das Land mit den größten erhaltenen Mooren. Und Moore sind als Geschichtsbuch der Erde unersetzlich. Sie haben auf ihrem säurereichen und sauerstoffarmen Grund ermordete, hingerichtete oder geopferte Zeitzeugen konserviert, deren Schicksale geradezu kriminalistische Rätsel aufgeben. Wie Sherlock Holmes und Dr. Watson im Dartmoor dem "Hund von Baskerville" nachspüren, sichern die Detektive der Archäologie mit Pinsel, Mikroskop und Isotopenanalysen die Spuren der Vergangenheit im Torf. Die Neugier auf die fernen Vorfahren lockt die Menschen in die Museen. Es ist ein Stück ihrer eigenen Identität, das die Moore bergen, die seit 400 Millionen Jahren existieren und zu den ältesten belebten Landschaften der Erde gehören.

Das Mädchen von Uchte ist der erste prähistorische Fund in Niedersachsen seit Menschengedenken, seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Bauern nicht mehr mit Torfspaten, Haumessern und Stechern ins Moor ziehen, um Brennmaterial zu gewinnen. Längst werden die Felder vollautomatisiert abgetorft, um Humus für die Gärten zu erhalten. Zerstückelt von den Stechmaschinen, finden die nicht mehr entdeckten Moorleichen ihre neuen Gräber unter den Rhododendren der Zierlandschaften. Dieser Raubbau nimmt den Menschen Teile ihrer Vorgeschichte.

Die meisten historischen Moorleichen wurden im 18. und 19. Jahrhundert ausgegraben, vor der Technisierung der Land- und Torfwirtschaft. So verweist der Jubel über das Mädchen von Uchte zugleich auf die Paradoxie des Erfindergeistes. Denn auf der anderen Seite hat es nie zuvor die Chance gegeben, mit so modernen radiologischen und röntgenologischen Verfahren durch einen neuen Fund aus dem Moor in eine versunkene Zeit zu blicken.

Was verrät Moora über ihre Welt sechs oder sieben Jahrhunderte vor Christi Geburt? Hart muss ihr kurzes Leben gewesen sein. Kindheit und Jugend waren schweren Stressphasen ausgesetzt. Die Ursache war wahrscheinlich Hunger; möglich, dass schwere Infektionen hinzukamen. Die Enden ihrer Schienbeine und die Wadenbeine weisen elf Wachstumsstillstand-Linien auf. Diese so genannten Harris-Linien bilden sich bei Heranwachsenden durch Störungen des Längenwachstums in den Röhrenknochen. Sie sind Belege für überstandene Entzündungen oder Nahrungsmangel.

Über die Ernährung des Mädchens erhoffen sich die Wissenschaftler Erkenntnisse, die wiederum Rückschlüsse auf seine Umwelt zulassen könnten. Gab es nur Wälder oder auch Felder? Wie ausgedehnt waren Ackerbau oder Beweidung? Welche Inhaltsstoffe hatte das Wasser, das Moora trank? Eine Isotopenanalyse der Zähne kann darüber Auskunft geben. Gab es in diesem Raum schon Verhüttung – so wie in Baden-Württemberg, wo gerade ein frühkeltischer Schmiedeplatz mit Amboss und Esse aus jener Zeit entdeckt worden ist? Belasteten das Moormädchen bereits Schadstoffe? Die Isotopenanalyse der Haarreste am Hirnschädel könnte das beantworten.

Was aber führte Moora in den Sumpf? Flüchtete sie vor einer Gefahr? Verlief sie sich beim Kräutersammeln? Brach sie während des Winters im Eis ein? Die gängigen Spekulationen des Boulevards – dass sie ermordet, für ein Verbrechen bestraft oder den Göttern geopfert wurde – haben bisher keine Bestätigung gefunden. Die skelettbiologischen Untersuchungen in fünf Instituten der Hamburger Universitätsklinik ergaben keine Spuren von Gewaltanwendung. Wenn in den Hautresten nicht noch Verletzungen von Stichen in die Weichteile entdeckt werden, hat Moora offenbar einen anderen Tod gefunden als viele der bisher bekannten Moorleichen.

Nicht wenige dieser Funde weisen durchschnittene oder strangulierte Hälse, eingeschlagene Schädel, Messerstiche und zerschmetterte Glieder auf. Das 1897 von Moorarbeitern in den Niederlanden gefundene, ebenfalls etwa 16 Jahre alte Mädchen von Yde aus der Zeit um Christi Geburt war mit einer Wollschlinge erwürgt worden. Der rote Franz – so genannt nach seinen feurigen, vom Moor gefärbten Haaren –, den Torfstecher hundert Jahre vor Moora bei Hannover fanden, verlor sein Leben durch einen Kehlschnitt.

Diese beiden legendären Moorleichen hat Monika Lehmann in den vergangenen Jahren gereinigt und konserviert. Jetzt sitzt die Restauratorin, die aus der Nähe von Uchte stammt, im gelben Backsteingebäude der hannoverschen Denkmalspfleger und wiegt im Souterrain zwischen Computern, Mikroskopen und Röntgengeräten schwarzbraune Hautfetzen ab. Größere, verschrumpelte Hautfragmente faltet sie in minutiöser Kleinarbeit zurück. All das ist Mooras Haut. Die Leiterin der archäologischen Restaurationswerkstätte des Landes Niedersachsen ist so etwas wie ihre Leibwächterin. Sie sorgt dafür, dass der Fund nach seiner Irrfahrt nicht noch weitere Schäden erleidet. Die Schutzbefohlene macht es Monika Lehmann nicht leicht. Moora ist zum Star geworden. Archäologie in den Zeiten knapper Fördermittel muss sich zeigen. Das Skelett so schwarz wie Ebenholz; aufgebahrt in einer Art gläsernem Sarg mit rot leuchtendem Grund, hat das Moormädchen gerade in der Ausstellung Klima und Mensch im Westfälischen Landesmuseum Herne für Aufsehen gesorgt – zwischen Mammuts und Neandertalern. Auch zum Weltkongress für Rechtsmedizin in Hamburg ist sie gefahren. Nach jeder Reise ist ein Check-up bei der Restauratorin in Hannover fällig.

In etwa zwei Jahren wollen die Wissenschaftler dem 2650 Jahre alten Mädchen ihre Gestalt zurückgegeben haben. Die digitalen Bilddaten aus den vielen Untersuchungen werden am Hamburger Institut für medizinische Informatik für die Rekonstruktion des Schädels ausgewertet. Rechtsmediziner Püschel, dessen Forschungen halfen, den mutmaßlichen Schädel des seeräuberischen Hamburger Lokalmatadors Klaus Störtebeker nachzubilden, erklärt: "Das ganze Skelett wird am Computer zusammengefügt und dann in Plastik gegossen. Gesichtsausdruck, Haut, die Farbe der Augen bleiben der Fantasie überlassen. Auch die Haarfarbe gibt das Erbgut nicht mehr her." Gleichviel, zu einem Mädchen aus dem Moor passt das zweite Gesicht ohnehin.

Von Elke Kerll ist nur das ernste Gesicht auf dem Passfoto geblieben, mit dem die Polizei nach ihr gefahndet hat. Zwar liegen inzwischen auch Lichtjahre zwischen den kriminaltechnischen Ermittlungsmethoden von 1969 und denen von heute. Doch wie einen möglichen Mörder entdecken, wenn das Opfer nicht zu finden ist? Wie eine Fährte wieder aufnehmen, wo die Kripo vor bald vierzig Jahren nicht einmal auf der Höhe jener Zeit ermittelt hat – wie die alte Akte verrät?

Martin Lange, der Leiter des FK 1, lässt den Fall jetzt noch einmal aufrollen – von jenem Mann, der die Ermittlungen im Uchter Moor durch seinen Anruf bei den Archäologen auf die richtige Fährte brachte. Der 54-jährige Kriminaloberkommissar Klaus-Dieter Schmidt, der seinen Erfahrungsschatz hinter gelassener Umsicht verbirgt, hat einst in Elke Kerlls kurzem Frühling in denselben Diskos getanzt. 17 Jahre war er damals alt. Jeden Raum im Labyrinth der längst abgerissenen Schauburg kann er noch aufzeichnen.

Der Kommissar hat wieder auf gut Glück telefoniert. Wie nach dem Fund der Hand. Diesmal hat er nicht den Rat der Archäologen gesucht, sondern nach jenem Schlüssel zum Fall Elke Kerll, der einst unbeachtet blieb. Das Schülerheim in Loccum! Die nie befragten Mädchen, die über eine Schwangerschaft Elkes möglicherweise mehr wussten. Schmidt hat bei der Gemeinde angefragt, ob noch Namen und Adressen der einstigen Heimschüler existierten. "Wir haben vor Jahren alles auf EDV umgestellt", lässt ihn eine ältere Dame wissen, die zufällig am Apparat ist. "Aber die Schüler habe ich damals als Sachbearbeiterin im Einwohnermeldeamt registriert. Und die alten Karteikästen konnte ich nicht wegwerfen…"

Doch wird der Zufall dem Kommissar auch weiter helfen? Jene Schülerin, die einst von Elke Kerlls Sorge berichtete, ein Kind zu bekommen, hat Schmidt bisher nicht ausfindig machen können. Sie kam aus Hamburg und hatte sich damals auch über Elkes Kenntnisse der Hansestadt gewundert. Speziell über ihre Erzählungen aus dem Szenelokal Grünspan in St. Pauli. Von einem besonderen Draht nach Hamburg wusste nach Elkes Verschwinden auch der Freund Hans-Wilhelm Vehrenkamp zu berichten: "Sie hat mir in der letzten Nacht davon erzählt", sagte er aus, "daß sie jemanden aus Hamburg kenne, den sie in Loccum gepflegt hätte. Ich weiß nicht, ob es sich dabei um eine männliche oder weibliche Person handelt. Angeblich hatte Elke die Möglichkeit, bei dieser Person Urlaub zu machen…".

Aber aus seiner eigenen Jugend im Nienburg jener Jahre weiß Schmidt, dass es zumeist nur wenige, kurze Abstecher in die Großstädte waren, die Legenden und Fantasie der Schauburg-Gäste beflügelten. Er geht davon aus, dass sich Elke Kerll nicht "aus unserem Kreis abgesetzt" hat, wie es die Beamten noch in den siebziger Jahren formulierten. Für ihn ist sie ganz in der Nähe geblieben. Bedeckt von der Erde oder vom Torf – wie Moora zuvor. "Und wenn ein Tötungsdelikt vorliegt", sagt Schmidt, "ist alles möglich." Als Täter kämen dann auch damals befragte Zeugen in Betracht. In einem solchen Fall wäre es immerhin möglich, dass ein Mitwisser die Gelegenheit suchte, sein Gewissen zu erleichtern.

Auf diese Weise tastet sich der Kommissar voran – wie im baumlosen Moor, ohne Anhaltspunkte, die wenigen Sichtmarken im späten Nebel verschwimmend. Und anders als der Torfstecher August Reckweg, der die erste Spur im Moor fand, weil er sich voll auf seine Arbeit konzentrierte, kann sich Schmidt nur am Rande um den alten Fall kümmern. Die aktuellen Ermittlungen haben Vorrang, Sexualdelikte, Brandstiftung, Kapitalverbrechen.

Bietet die Suche nach dem damals knapp 16-jährigen Mädchen der Polizei überhaupt eine zweite Chance – so wie sie die Wissenschaftler durch Mooras Fund erhalten? Wem bringen die Ermittlungen noch etwas? "Sie können ja", antwortet Klaus-Dieter Schmidt, "erst eingestellt werden, wenn ein möglicher Täter nicht mehr leben kann." Immerhin hatten sie schon dreißig Jahre lang geruht. Bis die Kriminologen im Moor ein Irrlicht sahen.

So kehrt die durch den Zufall verbundene Geschichte der beiden Mädchen die Zeit um. Was Moora vor zweieinhalb Jahrtausenden widerfuhr, werden die Mikrocomputer- und Magnetresonanz-Tomografie, die Kontaktradiografie und andere modernste Verfahren wohl relativ bald aufdecken. Das Schicksal der Elke Kerll, die in jenem Jahr verschwand, als der erste Mensch den Mond betrat, kann keine dieser Erfindungen aufklären. Dem Kommissar bleibt der alte Karteikasten und die Hoffnung auf ein belastetes Gewissen. Wenn sie trügt, wird es irgendwann wieder still werden um das Mädchen aus Stolzenau und das mutmaßliche Verbrechen an ihr. So still wie im Moor, das jeden Schall dämpft.

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