Wo von Erinnerung die Rede ist, da ist auch Emphase. Kein anderer Begriff aus dem Nähkästchen der Kulturwissenschaften ist derzeit populärer. »Ich erinnere mich« gilt als Erlösungsformel, die Befreiung verspricht von den dunklen Mächten der Verdrängung. Wer sich ihrer bedient, der darf auf Wohlwollen rechnen, jedenfalls im Prinzip. Als Günter Grass den Satz im Oktober 2000 beim Goethe-Institut in Vilnius sprach (gewiss nicht zum ersten Mal), da dünkte vielen die Zukunft der Erinnerung in Europa so hoffnungsvoll wie Grass’ Geschichte bekannt. Der Dichter konnte deshalb als idealer Zeuge eines Vorgangs erscheinen, den Aleida Assmann als Wechsel vom »Ich-Gedächtnis« zum »Mich-Gedächtnis« beschreibt. Grass nämlich fuhr im Passiv fort: »…oder ich werde erinnert durch etwas, das mir quer steht, seinen Geruch hinterlassen hat oder in verjährten Briefen mit tückischen Stichworten darauf wartet, erinnert zu werden.«

Jan und Aleida Assmann, er Ägyptologe, sie Anglistin, haben den kulturwissenschaftlichen Gedächtnisdiskurs, dessen Ursprünge vor allem in den angelsächsischen Cultural Studies liegen, seit den neunziger Jahren mit einer Serie von Büchern vorangetrieben – und ihn dabei, einer deutschen Wissenschaftstradition folgend, nicht zuletzt begrifflich ausdifferenziert. Die Vorstellung von einem »kollektiven Gedächtnis«, die der französische Soziologe Maurice Halbwachs (er starb kurz vor Kriegsende 1945 als Häftling in Buchenwald) bereits in den zwanziger Jahren entwickelte, findet sich bei Assmann/Assmann um etliche Unterformen erweitert.

Das »soziale«, das »kulturelle« und das »kommunikative Gedächtnis« hat mittlerweile jeder halbwegs Bewanderte im Kopf, und als beschlagen kann gelten, wer den Unterschied erinnert zwischen dem »Speichergedächtnis« und dem »Funktionsgedächtnis«. Neuerdings noch hinzugekommen – offenbar ein Tribut an die Hirnforschung – sind die »neuronalen Dimensionen« unseres Gedächtnisses. Nicht um diese allerdings kreist Aleida Assmanns jüngste Schrift, sondern um das »nationale Gedächtnis«, mithin um »Erinnerungskultur« und »Geschichtspolitik«.

Alles wird aus sehr großer Flughöhe formuliert

Ob (und wenn ja: wodurch) sich diese von jener unterscheidet und weshalb gegenüber staatlich organisierter Geschichtssinnstiftung prinzipiell Skepsis geboten ist, das bleibt jedoch unklar, ungeachtet aller »theoretischen Grundlagen«, die den ersten Teil des Buches ausmachen. Zum »Wandel der Geschichtspolitik« heißt es dort, nach 1989 sei es zu einer »Globalisierung des Gedächtnisses« und zu einer »ethischen Wende in der kulturellen Praxis des Erinnerns« gekommen, »bei der Begriffe wie Anerkennung und Verantwortung eine besondere Rolle spielen«. Deshalb, so Assmann, »können Nationen ihre mythisierenden Selbstbilder und Erinnerungskonstruktionen heute nicht mehr so unselbstkritisch aufrechterhalten, vor allem können sie es sich immer weniger leisten, die Opfer ihrer eigenen Geschichte zu vergessen«. Das freilich ist aus sehr großer Flughöhe formuliert – und kein analytischer Ansatz, mit dem sich die erinnerungsgeschichtliche Entwicklung etwa in Deutschland erklären ließe.

Was diese angeht, so bezieht sich die Autorin zwar wiederholt auf die Mitscherlichs, vereinfacht deren Wort von der »Unfähigkeit zu trauern« aber zur Diagnose eines historisch fehlgegangenen nationalen Erziehungsprogramms (»Ein Junge weint nicht«); tatsächlich zielte der psychoanalytische Befund jedoch nicht so sehr auf den »Empfindungsstil der Deutschen nach dem Krieg« und auf ihre mangelnde Empathie für die Opfer, als vielmehr auf die Verlogenheiten, die aus dem Unvermögen der post- nationalsozialistischen Volksgemeinschaft resultierten, sich ihrer unmöglich gewordenen Liebe zum »Führer« zu erinnern.

Ähnlich vage geht es weiter, wenn Aleida Assmann zum Thema Trauer Beobachtungen und Positionen von Ian Buruma, W. G. Sebald, Karl Heinz Bohrer und anderen referiert; wie ein aufgeklärtes Konzept »nationaler Trauer« aussehen könnte, gar wie die Autorin selbst die Dinge sieht, erfährt der Leser nicht. Auch der längere zweite Teil des Buches ist durch diese Zurückhaltung charakterisiert. Hier präsentiert Assmann zwar eine Vielzahl (nicht gerade unbekannter) »Analysen und Fallbeispiele« – von dem vormaligen SS-Ahnenforscher und nachmaligen Aachener Hochschulrektor Schneider/Schwerte über den falschen Schweizer Holocaust-Autobiografen Wilkomirski/Dössecker bis zurück zu Bundestagspräsident Philipp Jenninger. Dessen Gedenkrede zum 50. Jahrestag der »Reichskristallnacht« 1988 gilt Assmann, ähnlich wie der Skandal um Martin Walsers Paulskirchenrede, als Exempel einer »inkorrekten Erinnerung«, die »mehr in der deutschen Erinnerungsgeschichte bewegt (hat) als jede korrekte Veranstaltung«. Worin diese »Bewegung« bestand, bleibt unausgesprochen.