Am 29. und 30. September 1941 ermordeten Männer der SS und der Wehrmacht in der Schlucht von Babij Jar bei Kiew 33771 Juden. »Ich weiß nur eines«, notierte eine junge Ukrainerin in ihr Tagebuch, »da geht etwas Schreckliches, etwas Entsetzliches vor sich, etwas Unfaßbares, das man nicht begreifen oder erklären kann.«

Über sechzig Jahre sind vergangen, und doch stehen wir immer noch fassungslos vor der Frage, wie der Holocaust, dieses schrecklichste aller Menschheitsverbrechen, geschehen konnte. Auch Saul Friedländer, der als Junge, in einem katholischen Internat in Frankreich versteckt, den Judenmord überlebte, bekennt im Vorwort des zweiten Bandes seines Opus magnum Das Dritte Reich und die Juden : »In diesem Buch möchte ich eine gründliche historische Untersuchung über die Vernichtung der Juden Europas vorlegen, ohne das anfängliche Gefühl der Fassungslosigkeit völlig zu beseitigen oder einzuhegen.«

Der erste Band, der von der Verfolgung der Juden zwischen Hitlers »Machtergreifung« 1933 und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 handelt, erschien 1998, und er wurde von der Kritik einhellig als das beste Buch zum Thema gepriesen. (Friedländer erhielt dafür noch im selben Jahr den Geschwister-Scholl-Preis.) Mit dem zweiten Band hat sich der renommierte israelische Historiker viel Zeit gelassen, und das aus guten Gründen. Denn in der Zwischenzeit ist nicht nur eine Vielzahl neuer Quellen erschlossen, sondern auch eine Fülle wissenschaftlicher Untersuchungen publiziert worden, darunter einige große Monografien wie Peter Longerichs Politik der Vernichtung (1998), Christopher Brownings Rekonstruktion der Entfesselung der »Endlösung« (2003) oder Götz Alys kontrovers diskutierter Bestseller Hitlers Volksstaat (2005). Das alles aufzunehmen und zu einer Synthese zu bringen ist schon eine Leistung für sich.

Doch das neue Buch geht weit darüber hinaus. Als erster Historiker überhaupt hat es Friedländer unternommen, den Prozess der Ermordung der europäischen Juden in seiner Totalität, das heißt in all seinen Aspekten und Dimensionen, zu erfassen. Er beschränkt sich nicht, wie etwa Peter Longerich, auf die Beschreibung der Maßnahmen und Entscheidungen in Politik und Gesellschaft des »Dritten Reiches«, die zur Entrechtung, Isolierung und schließlich zur Vernichtung der Juden geführt haben, sondern bezieht die Reaktionen und Initiativen in den von Nazi-Deutschland besetzten und mit ihm verbündeten Ländern Europas, aber auch in den alliierten Staaten und in Palästina ein. Darüber hinaus – und das macht die besondere Qualität seiner Untersuchung aus – richtet er den Fokus der Betrachtung von den Tätern auf die Opfer, jene sechs Millionen Ermordeten, deren Leiden anhand vieler individueller Schicksale namhaft gemacht wird. Was in den meisten Darstellungen zur Verfolgung der Juden getrennt behandelt wurde – hier wird es zusammengeführt. Mit anderen Worten: Dies ist die erste Gesamtgeschichte des Holocaust, die diesen Namen auch verdient.

Wie die Verfolgten die immer bedrohlichere Realität erlebten

Dem anspruchsvollen Vorhaben entspricht die Dramaturgie der Darstellung. Friedländer gliedert seinen Stoff in drei chronologisch angelegte Kapitel: Terror (Herbst 1939–Sommer 1941) ; Massenmord (Sommer 1941–Sommer 1942) ; Shoa (Sommer 1942–Frühjahr 1945) . Doch innerhalb dieser Großkapitel wechselt der Autor ständig die Ebenen – zwischen Reflexion und Detailschilderung, Analyse und Veranschaulichung. Auf diese Weise entgeht er der Gefahr, der Raul Hilberg in seinem großen, auf die Täter zentrierten Pionierwerk Die Vernichtung der europäischen Juden (1961; deutsch 1982) erlegen ist, nämlich über die Darstellung des monströsen Verbrechens als komplexer, arbeitsteiliger bürokratischer Vorgang die davon betroffenen Menschen aus dem Blick zu verlieren. Immer wieder unterbricht Friedländer in harten Schnitten die Chronologie der Ereignisse, um die Stimmen der Opfer zu Gehör zu bringen.

Als Quelle dienen ihm vor allem Tagebücher, die sich in überraschender Zahl, manchmal auf verschlungenen Wegen erhalten haben. Die meisten der jüdischen Tagebuchschreiber waren sich ihrer Rolle als Chronisten einer großen Katastrophe bewusst; sie wollten, wie der Dresdner Romanist Victor Klemperer, »Zeugnis ablegen bis zum letzten«, und nicht selten markiert die letzte Eintragung auch das Ende: Deportation und Tod. Auf jeder Stufe der Verfolgung wird so nachvollziehbar, wie die Verfolgten die immer bedrohlichere Realität erlebten und wie sie darauf antworteten. Ihre Aufzeichnungen sind, sagt Friedländer, »wie Blitzlichter, die Teile einer Landschaft erleuchten«. Auf diese Weise entsteht ein dichtes, kunstvoll arrangiertes Panorama, das alle Orte und Ebenen des furchtbaren Geschehens gleichzeitig präsent hält, eine vielstimmig orchestrierte historische Erzählung, die den Leser, der eher geneigt ist, sich den Zumutungen der Lektüre zu entziehen, immer zurück in ihren Bann zwingt.